Mein Elternhaus wurde verkauft. Im Rahmen der letzten Aufräumaktionen fielen mir nochmals etliche ihrer Tagebücher in die Hände. Ich bin ein Fan von Tagebüchern, allerdings als Bücher für uns selbst, als Form des Selbstgesprächs, nicht für andere gedacht. Daher habe ich auch diese Bände sehr zwiespältig in die Hand genommen und teilweise überflogen. Was ich schon aus ähnlichen Aktionen nach dem Tod von Papa (vor 15 Jahren) und Mama (vor 3 Jahren) wusste, bestätigte sich erneut: Enttäuschung scheint eine wesentliche Grundstimmung meiner Eltern gewesen zu sein. Wenn ich nicht schon gut Frieden mit ihnen, ihrem Leben und ihrem Ableben gefunden hätte – diese Ladung Blues würde mich umhauen. Dabei waren sie keinesfalls undankbare Menschen. Warum finden sich dann solch dominante Züge von Enttäuschung in ihren Lebensbeschreibungen? Ich vermute, weil sie die in der Enttäuschung enthaltenen Gefühle wie Ärger, Trauer, Scham und Angst nicht bewusst bearbeiten und im Gespräch klären konnten, im Selbstgespräch des Tagebuchs wird die Enttäuschung im Wesentlichen nur beklagt. Es hat ihnen halt keiner gezeigt, wie ein therapeutisches Tagebuch funktioniert 😊
Enttäuscht kann man sein, wenn man etwas erwartet oder auch nur erhofft hat, enttäuscht von Menschen, von uns selbst oder vom Schicksal, vom Lauf der Dinge, auf den wir nur begrenzt Einfluss haben. Jammern ist ein Menschenrecht! (Das stammt nicht von mir.) Aber wenn wir dabei stehen bleiben – und so ist es bei „Enttäuschungen“ oft –, entwickeln wir uns nicht weiter. Es ist wahrscheinlicher, dass wir dann, um künftige Enttäuschungen zu vermeiden, Risiken vermeiden, die zu einem erfüllten erwachsenen Leben dazugehören. Vor allem verpassen wir die Chancen, die im Leben hier und jetzt liegen.
Wenn wir uns (weiter)entwickeln wollen, müssen wir zwei miteinander verbundene Fähigkeiten ausbauen: zum einen mit eigenen Enttäuschungen konstruktiv umgehen und zum andern Mitmenschen enttäuschen zu können. Für beides ist es gut zu wissen, was es überhaupt mit Enttäuschungen auf sich hat.
Fangen wir mit dem zweiten Punkt an (weil der erste Punkt schwieriger ist): andere Menschen enttäuschen. Viele depressive Patient*innen meinen größtenteils zurecht, sie müssten sich mehr abzugrenzen lernen. Man stellt sich das Neinsagen oft als etwas äußerlich Dramatisches vor, so als hätten wir es ständig mit massiven Grenzüberschreitungen durch andere zu tun. Doch das Hauptproblem liegt häufig nicht außerhalb der Betroffenen, sondern beruht auf inneren Konflikten: Zu Kollegen oder zum Chef Nein zu sagen, Freunden oder gar dem Partner einen Korb zu geben – oder Mami zu eröffnen, dass wir an Weihnachten nicht zu Besuch kommen! Da droht meist keine krasse Bestrafung, vielmehr hält uns die Angst, andere zu enttäuschen, vor solcher, oft notwendiger Selbstfürsorge ab. Aber warum halten wir Enttäuschung für so etwas Schlimmes? Weil wir selbst mit Enttäuschung schlecht umgehen können.
Damit sind wir beim ersten Punkt. Schauen wir einige Beispiele von Enttäuschung an: Eine Freundin hat (noch) nicht auf meine SMS oder Chat-Nachricht geantwortet, ein Freund sagt für meine Feier ab, ich bekomme meinen (vermeintlichen) Traumjob nicht, ich schaffe trotz drei Jahre Yoga immer noch keinen stabilen Kopfstand, ich breche mein Studium ab, meine Frau verlässt mich usw.
Was bedeutet, mit Enttäuschungen „konstruktiv“ umzugehen? Ganz sicher nicht: sie leugnen, etwa mit der Methode der Rationalisierung. „Ach, das ist mir nicht so wichtig…“ mit allen Tricks der Selbsttäuschung (die Freundin finde ich dann angeblich sowieso komisch, das Studium passt nicht zu mir, die Beziehung war ohnehin am Ende). Konstruktiv meint erwachsen: nicht in ein Muster hineinfallen und ein Drama erleben, was im Wesentlichen von kindlichen Erfahrungen geprägt ist („Mami mag mich nicht“, „mit mir stimmt etwas nicht“, „ich bin nicht gut genug“, „ich schaffe es nie“), sondern genauer hinschauen, um was es geht – und die damit verbundenen Schwierigkeiten und nächsten Schritte wagen.
Die Angst, selbst – sozusagen in Gänze – für andere eine Enttäuschung zu sein (was mit unserer Urscham zu tun hat), führt oft dazu, dass wir vieles mitmachen oder gar alles tun, um andere bloß nicht zu enttäuschen. Das macht uns umso anfälliger dafür, auf Enttäuschungen durch andere regressiv, also unangemessen kindlich (trotzig, weinerlich u.a.) zu reagieren. Das kann „man“ doch uns nicht antun, wir tun es anderen ja auch nicht an …
Wir bleiben – aus kindlicher Gewohnheit – oft viel länger als nötig in der Enttäuschung hängen oder besser gesagt, wir stecken fest in einer scheinbar schicksalhaften Stimmung, die wir nicht weiter auflösen zu können glauben. Doch Enttäuschung ist kein Gefühl, sondern fast immer ein Pseudogefühl, sie ist im Grunde selbst wieder eine Täuschung, täuscht uns über die wahren Gefühle hinweg und erspart uns damit – zu einem auf Dauer ziemlich hohen Preis – die Konfrontation mit dem, was wirklich ist und damit auch mit dem, was notwendig ist. Ganz nebenbei: Das ist der Grund, warum ein oder beide Partner in der Paarberatung so oft und ausgiebig über vergangene Enttäuschungen reden (wenn man sie nicht begrenzt), sie versuchen, die tatsächlichen und auch aktuellen Konflikte zu umgehen.
Der Begriff „Pseudogefühl“, der aus der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg stammt, sorgt manchmal für Verwirrung und Ablehnung. Wir wissen alle, wie sich Enttäuschungen anfühlen, das ist zunächst einmal nicht pseudo. Es wird pseudo, wenn wir uns die darunter liegenden starken Gefühle nicht bereit sind anzuschauen. Nehmen wir an, ich wäre bis letzten Sonntag Bürgermeister einer bayrischen Kleinstadt gewesen, doch dann hat mich die Mehrheit der Wähler in den Ruhestand geschickt, nämlich meinem Rivalen den Vorzug gegeben. Für diese Erfahrung ist Enttäuschung schon der naheliegende Begriff. Aber wie geht es mir wirklich damit? Bin ich traurig, weil ich den Job des Bürgermeisters echt mag? Bin ich wütend auf die, die mich im Stich gelassen und den Gegner empfohlen haben? Habe ich Angst, wie es mit mir beruflich (und vielleicht auch privat) weitergeht? Schäme ich mich, als Verlierer oder Versager dazustehen, und habe Angst mich nicht mehr blicken lassen zu können? Das sind sehr persönliche Fragen, die werde ich sicher nicht der Lokalpresse beantworten (oder erst mit einem zeitlichen Abstand), aber sie sind wichtig, damit ich wieder Boden unter die Füße bekomme und im Leben weitergehen, mich weiterentwickeln kann.
Kehren wir nun zum genannten einfachen Beispiel, einer kleinen oder mäßigen Enttäuschung zurück: Eine Freundin hat (noch) nicht auf die Nachricht geantwortet. Schritt 1: Wir fallen nicht in das kindlich-regressive Muster. Schritt 2: Wir prüfen, welche Gefühle und Bedürfnisse da sind und welche Schritte möglich wären. Bin ich traurig oder ängstlich, dass ich der Freundin nicht so wichtig zu sein scheine, dass sie zeitnah antwortet? Ärgert es mich, dass ich umgekehrt in vergleichbaren Fällen meist schnell reagiert habe? Schäme ich mich, dass ich immer wieder aufs Handy schaue und warte, wann sie sich endlich meldet?
Gefühle verraten uns, wie es um unsere Bedürfnisse steht – natürlich auch, was unsere Dauerthemen sind, unabhängig von dieser konkreten Freundin. Doch gerade deshalb geht es darum, hier nach vorne zu gehen und z.B. dieses Unbehagen anzusprechen und Wünsche zu benennen – und dabei sogar einen Konflikt mit der Freundin zu riskieren. Nicht das Neinsagen ist das größte Problem depressiver Patienten, sondern das Benennen eigener Bedürfnisse und Wünsche.
Es gibt verschiedene Varianten, mit Enttäuschungen destruktiv umzugehen, die hier teilweise schon angedeutet wurden. Eine Form der vermeintlichen Verarbeitung ist die Rationalisierung: „Ach, die hat sowieso nicht zu mir gepasst …“ In dem Zusammenhang werden oft pseudophilosophische Aphorismen zitiert: von wegen, dass die „Ent-Täuschung“ oder gar „End-Täuschung“ ja das Ende der Täuschung und insofern etwas Gutes sei. Naja, im Ausnahmefall, etwa nach einer wirklich abwegigen Verliebtheit, mag das zutreffen; meist jedoch handelt es sich um den untauglichen Versuch, schmerzhafte Gefühle zu verdrängen; denn eine gewisse Idealisierung (des Partners, der Arbeit, der Gemeinde, des Vereins, der Familie …) ist an sich nicht pathologisch, sondern förderlich – und insofern ist das nachträgliche vernichtende Urteil über diese „Täuschung“ verdächtig.
Die Enttäuschung kann vielmehr selbst wieder zur aktiven Selbsttäuschung werden, wenn die ehemalige Utopie (wie toll er/sie/es ist) zur Dystopie umgedeutet wird: „Ich habe mich TOTAL getäuscht …, schrecklich …“ Nach der Enttäuschung wird in solchen Fällen die ganze gemeinsame Zeit (in Beziehungen, Arbeit, Familie usw.) düster eingefärbt. Das ist aggressiv und autoaggressiv. So fixieren sich Betroffene selbst in der Opferrolle (als die um das Glück Betrogenen) und generieren, wenn sie sich dauerhaft auf diese Weise mit dem verpassten Leben beschäftigen, das Verbitterungssyndrom – und verpassen das Leben erst recht.
Es geht in der Therapie nicht darum, wer schuld ist, sondern wie die Betroffenen aus diesem Muster aussteigen können. Was schmerzhaft (im Sinne von Angst, Ärger, Trauer, Scham) darf schmerzhaft empfunden werden, das Gute daran ist: Es verrät uns, was wir uns wünschen und brauchen – und wir müssen mehr riskieren, um das Leben zu bekommen, was unseren Bedürfnissen und Wünschen entspricht. Enttäuschungen gehören notwendig zu diesem Besser-Leben-Risiko. Und zu einem guten Selbstwert und Selbstvertrauen gehört der konstruktive, weder jammernde noch rationalisierende Umgang mit Enttäuschungen.
Das Thema Enttäuschung ist groß in unser aller Leben, daher gibt es so viele kraftvolle Beispiele. Ich denke etwa an die Schüler, die ihren Lehrer, an die vielversprechenden jungen Sportler, die ihre Trainer, ja, und an die Patienten, die ihre Therapeuten enttäuschen. Umgekehrt ist es oft dann genauso: Die Schüler sind vom Lehrer, die Sportler vom Trainer, die Patienten vom Therapeuten enttäuscht. Oft liegt es daran, dass die Situation oder Konstellation „verwechselt“ wurde (in der Psychotherapie sprechen wir von „Übertragung“), dass versäumt wurde herauszuarbeiten und klarzustellen, dass der Schüler, Sportler oder Patient nicht Sohn oder Tochter – und der Lehrer, Trainer oder Therapeut kein Vater bzw. keine Mutter ist. Beide Seiten müssen auf sich zurückgeworfen werden. Es ist so wichtig, dass wir lernen, andere zu enttäuschen: Schüler, Sportler, Patient und alle anderen müssen lernen, ihren eigenen Weg zu gehen, für diesen und für sich die Verantwortung zu übernehmen, auch wenn dies dem Lehrer, Trainer, Therapeuten oder wem auch immer nicht gefällt.
Und wie ist es in der Konstellation, wo es sich tatsächlich um Kinder und Eltern handelt? Ja, da erst recht! Erwachsen werden heißt auch, seine Eltern zu enttäuschen, es muss ja nicht „auf ganzer Linie“ geschehen (manchmal schon …) sonst leben wir das Leben unserer Eltern. Nur weil der Vater selbständig war oder weil die Eltern Akademiker sind muss ich es nicht werden, ich muss weder in die Fussstapfen der Eltern treten noch nach ihren Werten leben. Natürlich auch umgekehrt: Die Eltern müssen nicht die Bedürfnisse ihrer erwachsenen Kinder erfüllen oder gar deren Werte teilen.
Mit meinen Eltern habe ich angefangen, damit höre ich hier auch auf. Wie sind sie mit der großen wechselseitigen Enttäuschung über ihre Partnerschaft umgegangen? Mein Pa hat sich u.a. in Kirchen- und Kellereiführungen, in Kammermusik und Lyrik-Abende gestürzt, meine Ma in den Garten bzw. die Gartenarbeit, manchmal auch gemalt und gedichtet. Sie haben beide irgendwie ihr Bestes gegeben, jeder für sich, wirklich zusammen konnten sie nicht finden, es war eher eine mal mehr, mal weniger friedliche Koexistenz. Was von solchen Enttäuschungen bleibt, ist oft ein Hauch von Trauer oder sogar Bitterkeit, auch für uns Kinder. Aber das ist noch lange kein Verbitterungssyndrom! Dieses entsteht, wenn Menschen sich regressiv an die Enttäuschung klammern, auf der Enttäuschung beharren – letztlich darauf, immer noch ein Kind oder Opfer zu sein – und statt nach vorne zu schauen und dass Leben zu leben, darauf bestehen, dass das Leben „jetzt“, also das ganze restliche Leben nach der Enttäuschung, keinen Sinn mehr gemacht hat oder macht. Ich bin froh, dass meine Eltern trotz allem eine Art Frieden mit dem Leben finden konnten, letztlich dadurch auch miteinander.
