Helfen kann als eine von mehreren „Sprachen der Liebe“ verstanden werden: Wir zeigen unsere Liebe gegenüber uns Nahestehenden, indem wir helfen oder Hilfe anbieten. Doch es stehen uns nicht alle Menschen nahe … Psychotherapeutisch „verdächtig“ ist daher meist eine Helfertendenz, die sich durch alle Lebensbereiche und -phasen zieht, und scheinbar nicht nach Gegenleistung fragt.
Echte Hilfsbereitschaft ist etwas Wunderbares – aber etwas anderes als der nahezu unstillbare Drang oder Zwang zu helfen. Es gibt nicht nur ein Helfersyndrom, sondern verschiedene. Im Grunde kann sich fast die ganze Bandbreite therapeutischer Themen dahinter verbergen, und um was es im Einzelfall konkret geht, enthüllt sich erst, wenn man den Patient*innen für eine gewisse Zeit die Option „Helfen“ wegnimmt bzw. mit ihnen einen Verzicht vereinbart: „Wollen Sie mal testen, was passiert, wenn sie ihren Hilfe-Impulsen für ein paar Wochen nicht automatisch nachkommen? Und: stattdessen einmal versuchen, selbst um Hilfe zu bitten oder andere Menschen mit Ihren eigenen Wünschen zu konfrontieren?“
Bei manchen Menschen steckt hinter dem Helferbedürfnis die übertriebene Sehnsucht nach Anerkennung. Sicher gibt es Chefs und Kollegen, die wenig oder keine Anerkennung spenden. Doch Menschen, die sich in helfenden Berufen immer wieder in Burnouts hineinarbeiten, haben selbst einen Anteil an diesem Drama und seiner Reinszenierung: Es wird nie genug Anerkennung sein. Die übertriebene Sehnsucht nach Anerkennung ist mit einer Illusion verknüpft: Die Betroffenen gehen unbewusst davon aus, dass sie sich ihren Wert, ihren Liebenswert, verdienen könnten. Und sie verwechseln dabei Anerkennung mit Liebe. So rackern sie sich auf dem Weg der Hilfeleistung ab für etwas, was sie auf diesem Weg nicht bekommen können.
Das Drama beruht auf einer alten oder frühen Vorgeschichte, vereinfacht gesagt: Die Betroffenen haben als Kinder zu wenig bedingungslose Liebe erfahren, vielleicht aber Anerkennung für bestimmte Leistungen. So wurde mit dem unerfüllten Bedürfnis nach Liebe das Ersatzbedürfnis nach Anerkennung gezüchtet. (Es gibt Anerkennung auch als echtes Bedürfnis, dann ist es aber auch stillbar. Die Unstillbarkeit zeigt das Pathologische an.)
Wenn zu diesen „belobigten“ Leistungen Hilfe gehörte, weil sie ja meist sozial sehr erwünscht ist, scheint der Weg vorgezeichnet. Diese Menschen haben später große Schwierigkeiten, „Nein“ zu sagen, wenn sie um Hilfe gebeten werden – naja, es ist noch schlimmer: Sie haben oft schon Schwierigkeiten „Nein“ zu sagen, wenn sie sich nur einbilden, sie seien gefragt worden. Das ist ein Kuriosum am Helfersyndrom: Die Hilfe wird oft ungebeten zur Verfügung gestellt oder gar in übergriffiger Form ausgeübt.
Auch andere kuriose Phänomene sind im Kontext von Helfersyndromen keine Seltenheit. Dazu gehört etwa, wenn längst erwachsene Kinder ihre in die Jahre gekommen Eltern pflegen oder eben alles für sie tun, immer noch keine Liebe bekommen, nicht einmal adäquate Anerkennung – und sich dennoch nicht abwenden! Das ist kindliches, also regressives Verhalten: Immer noch darauf zu warten, dass Pa oder Ma eine Seite zeigen, die sie nie (oder fast nie) zeigen konnten.
Hinter der Regression kann allerdings auch so etwas wie Automanipulation stecken: Die „Kinder“ reden sich ein, sie könnten oder dürften ihre Eltern nicht im Stich lassen – und haben in Wahrheit Angst, sich dem eigenen Leben als Erwachsener mit allen Risiken wirklich zuzuwenden, z.B. sich einen Partner zu suchen oder endlich einen Job anzustreben, der es wert ist. Oder sie trauen sich nicht, ihre eigenen Werte als Erwachsene zu leben (erfahrungsgemäß insbesondere wenn sie noch im gleichen Dorf leben wie in Kinderzeiten) und ordnen sich daher weiter den Eltern unter.
Wie gesagt, es gibt mehrere Helfersyndrome. Und es gibt noch mehr Möglichkeiten oder Perspektiven, sie zu beleuchten. Hinter dem Versuch, sich seinen Lebens- und Liebenswert durch Hilfe zu verdienen, steckt oft so etwas wie die „Urscham“, die Angst oder vermeintliche Gewissheit, nicht gut genug zu sein. Nur wird sich dies nie auflösen lassen, so lange das groß gewordene Kind immer noch darauf warten, dass Papi und Mami sagen „Du bist gut genug“. Erwachsen werden heißt, sich selbst Liebe und Anerkennung zu geben: „Ich bin gut genug.“ „Ich mag mich.“ – so dass die Liebe und Anerkennung von anderen überhaupt ankommen können.
Eine andere Version des Helfersyndroms besteht darin, dass Menschen mit Hilflosigkeit und Ohnmacht generell nicht umgehen können, weil sie das an die eigene, meist frühe oder auch chronische (erlernte) Hilflosigkeit erinnert. Daher versuchen sie Situationen von Hilflosigkeit und Ohnmacht „wegzumachen“. Ein banales, aber häufiges Beispiel: In der Therapiegruppe fängt eine Patientin beim Bericht über ihr Leiden an zu weinen – sofort springt ein „Helfer“ auf und reicht ihr Taschentücher oder schlimmer noch, nimmt die Mitpatientin in den Arm. Das ist nicht sinnvoll, sondern im Gegenteil, schadet allen Beteiligten, weil sich so die Illusion verfestigt, irgendetwas sei nicht auszuhalten und müsse schnell weggemacht werden.
Eine Variante davon könnte sein, dass Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse immer hintenanstellen (weil das ein braver Junge oder ein braves Mädchen so gelernt hat), also z.B. immer, wenn sie nach dem gefragt werden, was sie brauchen, antworten: „Passt schon“ oder „ich weiß nicht“. Doch die Bedürftigkeit, die sie bei anderen wahrnehmen, können sie kaum aushalten – und treten als Helfer quasi ungefragt in Vorleistung.
Man kann diese Versionen und Varianten allesamt, das sie früh „erlernt“ wurden, auch über den Begriff des inneren Kindes nachvollziehen: Menschen, der eigenes inneres Kind nach Hilfe „schreit“, aber nicht gehört bzw. erhört wird, neigen dazu, statt sich um die eigenen jüngeren, desintegrierten Anteile zu kümmern, das innere Kind bei anderen retten zu wollen. Nochmals zum Merken: Solche Hilfe ist übergriffig (ich meine diesen Begriff nie moralisch, sondern nur faktisch) – und kontraproduktiv. Wer sein eigenes inneres Kind noch nicht von der fatalen Führungsrolle befreit hat, es noch nicht an die Hand genommen hat, ihm noch nicht plausibel genug gemacht hat, dass sich der Erwachsene heute kümmert „anders als damals“ und dass daher die akute Hilflosigkeit nie so überwältigend sein kann wie die des kleinen Kindes damals, der sollte die Finger zurückziehen, wenn er starke helfende Impulse verspürt.
Manche Menschen leben nach der (meist unbewussten) Philosophie, dass es besser ist, eine helfende Beziehung zu anderen Menschen zu haben als gar keine Beziehung. Das stimmt nicht – oder wenn es für Sie zu stimmen scheint, hoffe ich, dass Sie endlich aufhören, sich mit so wenig Beziehung und so wenig Leben zufrieden zu geben!
