U wie Urscham

Haben Sie öfters das Gefühl, Sie müssten sich rechtfertigen? Können Sie Kritik spontan schlecht annehmen? Meinen Sie immer wieder mal, Sie müssten sich ihren Lebenswert durch gute Taten verdienen? Sind Sie mit Ihrem Körperbild nicht im Reinen, d.h. würden Sie da gerne etwas verbergen oder ersetzen? Machen Sie sich selbst ganz schön fertig, wenn Sie einen Fehler, und sei er noch so klein, begangen haben? Fremdeln Sie mit Ihrem „inneren Kind“? Verzweifeln Sie manchmal, weil es irgendwie nie gut genug ist, also: Sie sich nicht gut genug fühlen?

Dies ist kein Test für Hochsensibilität 😊, sondern für Scham-Sensibilität. Falls Sie mehrmals genickt haben, kann ich Ihnen versichern, dass Sie sich in bester Gesellschaft befinden. Wie viel einfacher und leichter könnte das Leben doch sein, wenn wir gelernt hätten, mit Scham besser umzugehen!

Scham an sich ist nichts Toxisches (!), sondern ein Zeichen von Sensibilität und irgendwie auch von Gesundheit: Andere sehen uns, vielleicht mit etwas, das wir nicht gewohnt sind zu zeigen, oder gar mit Eigenschaften oder Aktionen, die uns oder ihnen nicht gefallen (oder unseren Eltern nicht gefallen hätten). Und wir gehen damit um. Wie? Leider oft ganz ungesund: Weil Scham so schnell als überwältigend bis vernichtend erlebt wird, versuchen wir sie zu vermeiden, zu verdrängen, abzuwehren, z.B. mit Wut oder Trauer, oder mit sogenannten Schuldgefühlen, die verkleistern sollen, dass es um Scham geht.

Über Formen der Scham habe ich mich in meinem Blog schon verschiedentlich geäußert. Als Urscham bezeichne ich die frühkindlich erworbene Illusion der Betroffenen („statistisch gesehen“ von den meisten Menschen, die ich kenne), dass mit ihnen irgendetwas von Grund auf „nicht stimmt“, dass sie „falsch“ oder „verkehrt“ sind und dass sie sich oder dieses Fremdsein in der Welt irgendwie verstecken müssten. Wie kommt es, dass wir uns als nicht willkommen, nicht gut genug, prinzipiell „schuldig“ (!) fühlen und den mächtigen Glaubenssatz mit uns herumschleppen „Es liegt an mir …“?

Das Wort Urscham klingt etwas seltsam. Vielleicht sollte ich Ur-Scham schreiben. Bei „Ur“ fällt vielen, zumindest den älteren Leser*innen, zunächst die „Ursünde“ ein. Dabei hat es diese, folgt man moderneren Theologen, gar nicht gegeben. Doch die Genesis, die „Urgeschichte“ schlechthin, wie Adam und Eva aus dem Paradies fliegen, erzählt uns etwas über das Entstehen (= die „Genese“) der Urscham.

Wie wir mit Fehlern, Makeln und mit Scham umgehen, das lernen wir von unseren primären Bezugspersonen, bei den meisten ist das immer noch die Mutter. Es gibt in bestimmten Entwicklungsphasen eine Menge, was wir lernen zu tun oder zu lassen. Manches können wir erst wissen, nachdem wir es einmal verbockt haben: Ein Kleinkind bemalt die Wand des Kinderzimmers oder packt Lebensmittel aus und spielt damit auf dem Boden oder hantiert mit Kot oder … Bald darauf wird es mit Entsetzen, Wut oder Ekel der Mutter konfrontiert und merkt: „Oh, oh, das hätte ich nicht tun sollen …“ In dem Moment tritt Scham auf, das ist jedoch nicht die Urscham, sondern einfach nur Scham: Ich werde gesehen, und zwar auch noch mit einer Tat, die gegen Werte meiner Bezugsperson verstößt.

Bis dahin ist noch nichts wirklich Schlimmes passiert, sondern nur Unvermeidliches: Das Kind kann nicht alles wissen oder ahnen und lernt durch Fehler und Feedback. Schlimm wird es, wenn die Mama das Kind in dieser Scham hängen lässt oder sie gar noch verstärkt: „Warte nur, bis Papa heimkommt …!“ Oder: „Geh aufs Zimmer, sei bloß still, ich will Dich heute nicht mehr sehen …!“ Da gibt es unzählige Varianten von situativer Überforderung der Mütter bis hin oder zurück in die tiefsten Abgründe der schwarzen Pädagogik. In meiner Grundschulzeit mussten sich manche Schüler durchaus noch „in die Ecke stellen“. (Die Pädagogen waren übrigens keine schlechten Menschen, es macht in der Therapie keinen Sinn in Gut und Böse zu denken. Da unterscheidet sich die Therapie wohl-tuend und heilungsfördernd von der Bibel.)

Aufgabe der Mutter in dieser heiklen Situation wäre vielmehr, dem Kind aus der Not zu helfen und die Scham zu beenden oder zu integrieren: es auf den Arm nehmen und ihm zu signalisieren, „naja, das war wirklich nicht gut, was Du da gemacht hast, aber Mama hat Dich trotzdem lieb, Du konntest es ja nicht wissen“ usw. Es geht vor allem um die Botschaft der bedingungslosen Liebe „trotz alledem“. Aber kann und darf sie das, die Mama, hat sie diese Freiheit in sich selbst und auch in ihrer Partnerschaft?

Viele Kinder erfahren nie derartige bedingungslose Liebe, die sich gerade dadurch auszeichnet, in schwierigen Situationen geäußert und praktiziert zu werden. Dadurch entsteht aus den unvermeidlichen punktuellen Erfahrungen von „ich habe etwas falsch gemacht“ die unnötige generelle Illusion „ich bin falsch“ oder „mit mir ist etwas falsch“. Verbunden ist diese Urscham häufig mit unzähligen anderen pathologischen Illusionen, die sich das überforderte Kind zusammenreimt, etwa schuld daran zu sein, dass es Mama nicht gut geht, dass Mama und Papa sich nicht verstehen, dass sie noch ein zweites Baby haben wollen usw.

Jetzt zur Bibel. Ich lese immer mal wieder darin, da sie ja auch viele schöne Aussagen und Botschaften enthält. Wobei der Begriff „Frohe Botschaft“ sich auf das Neue Testament bezieht. Doch meist steht – vor allem im Alten Testament, aber nicht nur – wenige Seiten später (oder davor) etwas, das mich immer noch und wieder schockiert: Wie selbstgerecht und lieblos Gott über seine Menschenkinder richtet. Er fordert nicht nur Bravsein, sondern Hörigkeit. Natürlich kann man fragen: „Ist es nicht legitim, dass Gott Unterordnung verlangt?“

In der Genesis muss ich gar nicht seitenlang lesen, um zu stutzen. Die Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies scheint hinlänglich bekannt. Wie gesagt, der Begriff Sünde taucht darin gar nicht auf, wohl aber Scham: Als Eva und Adam einen Apfel vom „Baum der Erkenntnis“ (!) aßen, schämten sie sich plötzlich, nackt zu sein.

Etwas zu tun, was gegen die von den Eltern vorgegebenen Werte verstößt, ist mit Scham verbunden, man fühlt sich irgendwie nackt. Was hätte eine liebevolle, souveräne (d.h. mit Bindung und Autonomie kompetente) Mutter in dieser Situation idealerweise getan? Sie hätte vielleicht gesagt: „Das gefällt mir gar nicht. Habe ich Euch nicht ausdrücklich erklärt, dass Ihr von diesem Baum nicht essen dürft?“ Und dann? Dann hätte sie irgendwie die Kurve bekommen und ein „ich liebe Euch trotz allem“ vermittelt, „und so wie ihr seid, seid ihr gut genug oder sogar genau richtig und willkommen im Paradies“. Oder: „Ihr seid Geschenke Gottes!“ 😊 Und was macht Gott, der Vater?

Gott beschämt seine ersten Kinder! Er verflucht sie geradezu: Eva verheißt er, dass sie für die Liebe zum Mann mit einer Geburt unter Schmerzen bestraft wird, Adam erfährt, dass er unter großen Mühen seinen Acker bestellen muss, um fürs Überleben zu sorgen – und er verstößt beide aus dem Paradies. Naja, werden konservative Theologen sagen, die beiden wollten sich mit Gott auf eine Stufe stellen, so schlau sein wie er, da musste er die Verhältnisse wieder zurechtrücken. Musste er? Man kann es auch so sehen, dass Gott nicht möchte, dass die Menschenkinder erwachsen werden, Werte überprüfen und irgendwann selbstbestimmt leben. Nein, geht gar nicht: „Ihr bleibt (gefälligst) meine Kinder – und jetzt verschwindet und schämt Euch!“

Ich finde es bemerkenswert, dass hier ein Mann (zumindest nach überwiegendem traditionellem Verständnis) die primäre Bezugsperson ist: Gott. Und ER kann es halt nicht, die Sache mit der bedingungslosen Liebe! Vielmehr oder deshalb ist ihm die Frau per se verdächtig! Das zeigt sich ja nicht nur in der Genesis, sondern quer durch die Bibel: un-GLAUB-lich viel muss mensch überlesen, um die Bibel nicht als frauenfeindlich zu verstehen.

Es sind die HERRschenden Ideen doch die der HERRschenden (so ähnlich frei nach Karl Marx). Wenn man bedenkt, dass alle großen Religionen und die damit aufs Engste verbundenen Kulturen durch Jahrhunderte oder Jahrtausende massiv frauenfeindlich geprägt sind, auch wenn sie sich heute oft anders zeigen, dann erklärt das vielleicht auch zum Teil, wie sehr uns die Urscham auch transgenerational oder transhistorisch in den Knochen steckt. Die bedingungslose Liebe ist eben weiblich – was nicht heißt, dass Männer dazu nicht in der Lage wären.  

Vielleicht denken Sie jetzt: „Na, nun lass aber mal die Kirche im Dorf …“ Es stimmt schon. Gegen diese Deutung kann man eine Menge Einwände erheben. Mein Haupteinwand ist selbst kulturhistorisch und insofern areligiös: Nicht Gott hat die Bibel geschrieben, sondern Menschen – und die haben ihr patriarchalisches Gottesbild in der „Heiligen Schrift“ verewigt. Gott so zu verstehen ist ein Anthropomorphismus! Für die meisten Christen ist das allerdings auch nicht akzeptabel. Ob und wie wir uns Gott überhaupt vorstellen dürfen, das ist eine uralte theologische Diskussion („Du sollst Dir kein Bildnis machen …“. Und auch die Philosophen wurden bis in die Neuzeit nicht müde zu debattieren, welche Attribute wir Gott zuschreiben dürfen.

Ich möchte mal einen Schritt zurücktreten, weder die Bibel noch Gott interpretieren und sagen: Wir nehmen dieses Verständnis von Urscham, das ich in der Genesis sehe, nur als Symptom für unsere Scham-Kultur.

Interessant ist jedenfalls, dass die Menschheitsgeschichte mit der Scham beginnt, davor waren Adam und Eva noch Gottes Kinder im Paradies, also jenseits von Raum und Zeit. Der Mensch wird nicht Mensch dadurch, dass ihn Gott erschuf (so unperfekt, dass er Fehler machen kann, darf, muss), sondern erst indem er vom Baum der Erkenntnis isst, also gewissermaßen aus dem naiven Kindheitsstadium aufbricht und kurz darauf aus dem Paradies geworfen wird. Es musste so kommen.  

Wie auch immer. Natürlich geht es in der Psychotherapie darum, jene Ursachen für die individuelle Scham zu betrachten, die deutlich näher liegen als das Paradies und der sogenannte Sündenfall. Wie ist es biografisch soweit gekommen, dass der Klient mit Scham so schlecht umgehen kann? Das bedeutet allerdings nicht zwingend, dass der individuelle Scham-Komplex sich allein aus der individuellen Geschichte verstehen lässt.

Das Kind merkt – ohne zu verstehen –, „hier stimmt etwas nicht“, und bezieht dies unter ungünstigen Bedingungen auf sich: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Viel später versteht der Erwachsene vielleicht, wie viel Scham seine Eltern und Großeltern verdrängt und abgewehrt haben – etwa in Bezug auf die Nazizeit, Beteiligung an Kriegsverbrechen, oder bei der Stasi etc. Nicht immer sind die Ereignisse so spektakulär oder erkennbar einschneidend, und können doch genauso belastend sein.

Wir müssen uns selbst nicht von der Scham, sondern von der Angst vor Scham befreien, uns neu schämen lernen, indem wir zu dem stehen, was andere zurecht wahrnehmen, ohne uns für das mitzuschämen, was uns oder gar unseren Eltern, Großeltern, Vorfahren widerfahren ist und/oder was sie uns vielleicht unbewusst angetan haben: „Hier stehe ich, ich stehe zu mir – und ich stehe nicht mehr zur Verfügung für Eure Scham. Ich bin schon groß, ich kann mich erwachsen schämen. Mit mir stimmt manches nicht, aber in meinem Kern bin ich in Ordnung, gewissermaßen ein göttliches Wesen.“