Sch wie Scham

Im Alter von 21 hatte ich ein Erlebnis, an das ich bis heute immer mal wieder erinnert werde: Während meine Freundin arbeiten war, hatte ich ein bisschen Haushalt gemacht und u.a. die Wäsche aufgehängt. Mir war bis dahin nicht bekannt, dass man frisch gewaschene Kleidung nicht einfach auf den Trockenständer wirft, sondern sie teilweise ziehen und glätten oder ausschlagen sollte, um sich hinterher Arbeit etwa beim Zusammenlegen oder Bügeln zu ersparen. Tatsächlich hatte ich zu Hause meiner Mutter eigentlich nie „zur Hand gehen“ müssen wir andere Kinder, obwohl es bei vier Geschwistern immer genug zu tun gab. Wenn ich im elterlichen Haushalt Tätigkeiten ausübte, dann aus Wunsch und Leidenschaft, etwa fürs Backen.

Als nun meine Freundin nach Hause kam, war sie einigermaßen entsetzt, wie die Wäsche über dem Ständer hing. Ich weiß nicht mehr, was genau und wie sie es gesagt hatte, weil ich automatisch in eine Schockstarre verfiel, ich hätte im Boden versinken können. Welche moralische Bewertung hätte schlimmer sein können: Dass ich zu faul gewesen sein könnte, die Wäsche vernünftig aufzuhängen? Oder, vermutlich dies, dass ich gar solch ein verwöhntes Bürschlein war, nicht zu wissen, wie’s richtig geht. Später fiel mir noch der Satz ein, den meine Mutter an dieser Stelle gesagt hätte: „Sooo hätte ich das auch gekonnt.“ Das verweist zum einen darauf, dass die Aussage, ich hätte nie zu Hause helfen müssen, nicht zu 100% stimmen kann. Zum andern könnte es ein Indiz dafür sein, dass ich in der Situation mit meiner Freundin komplett in einer Übertragung der Mutter-Kind-Beziehung versackt war.

Scham ist das Entsetzen darüber, etwas Falsches getan zu haben, das kann moralisch falsch sein oder auch ästhetisch (z.B. over- oder underdressed erscheinen) oder ein Misslingen einer Aufgabe. Das Entsetzen entnehmen wir in unseren Kinderjahren, manchmal auch später noch, aus der Reaktion unserer Bezugspersonen. Es kann sich durchaus um etwas handeln, worüber wir uns eben noch gefreut hatten oder worauf wir sogar stolz waren. Später verinnerlichen wir den Mechanismus und können uns ohne reale Fremdeinwirkung schämen.

Das Urgefühl Scham lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Menschheit kommt nicht ohne es aus, weil wir vermittels Scham lernen, unser Verhalten an Werten und Normen auszurichten. Für das Kleinkind allerdings ist es wichtig, dass dieses punktuell ent-setz-liche bis ver-nicht-ende Gefühl von „ich habe etwas falsch gemacht“ sich nicht derart ausbreitet und anhält, dass es als „ich bin falsch“ interpretiert bzw. erlebt wird. Daher muss die Mutter oder Bezugsperson dem Kleinen helfen, aus der Schockstarre wieder herauszufinden. Schädlich wird die Schan, oder wie man heute sagt „toxisch“, wenn diese relativierende Reaktion der Bezugsperson ausbleibt und diese stattdessen in Wut und Verachtung verharrt oder das Schämen des Kindes ausdehnt oder provoziert. Denken wir beispielsweise daran, wie Kinder früher im Kindergarten, vor Schulklassen oder in Kinderheimen bloßgestellt und beschämt wurden.

Wir alle schämen uns also immer mal wieder. Jedoch mehr oder weniger. Und mit mehr oder weniger starken Auswirkungen auf unseren Gefühlshaushalt und unsere Lebensqualität. Manchmal höre ich auch eine innere Stimme, die zu anderen gerne sagen würde: „Schäm Dich!“ Reste und Ausläufer einer katholischen Erziehung der 1960er Jahre?

Wenn Menschen Fake News in Umlauf setzen, Fakten und Zusammenhänge zurechtbiegen, um die eigene Weltanschauung zu untermauern (oder das bestehende Regime zu rechtfertigen), habe ich mich schon manchmal gefragt: „Wo bleibt da eigentlich die Scham?!“ Noch etwas mehr empöre ich mich, wenn in ähnlicher Weise in „seriösen“ Medien reißerisch zurechtgetrimmte Beiträge veröffentlicht werden, z.B. damit die Story mehr Abnehmer findet: Man interviewt einen Protagonisten zwei Stunden lang und sendet oder schreibt dann genau die zwei Sätze, die ihn und sein Anliegen als lächerlich erscheinen lassen. Leider sind das keine Ausreißer, wie der Extremfall Claas Relotius mit seinen teils „schamlos“ erfundenen Spiegel-Reportagen, sondern eher alltägliche Phänomene.

Als Journalist habe auch ich, gerade in der Anfangszeit, (hoffentlich selten) Artikel geschrieben, für die ich mich im Nachhinein schämen musste, etwa da ich über die Liebe zur Pointe und zum „runden“ Beitrag vernachlässigt hatte, was die veröffentlichte Geschichte bei Menschen auslöst, die in ihr vorkommen und sich bloßgestellt fühlen.

Seit ich eine eigene Website habe, beschäftigt es mich wieder mehr: „Sich wie nackt fühlen.“ Kein Wunder, dass mir das Buch des Psychiaters Daniel Hell (siehe Buchtipps) ins Auge fiel, ausgerechnet in eimem Klosterbuchladen – Scham und Kirche, das wäre ein eigener Beitrag. Daniel Hell sagt: Scham ist ein Indiz der Selbstachtung, sie ruft uns eindringlich unsere eigenen Werte in Erinnerung. Sie bestärkt unsere Würde und hilft zwischenmenschliche Probleme zu regulieren.

Selbstverständlich würde ich gerne auf das Gefühl der Pein(lichkeit) verzichten. Sich verstecken bzw. in den Boden versinken, warten, dass Gras über die Sache wächst. Allerdings, derweil entstehen ständig neue Anlässe für Scham: Wenn ich etwas nicht für mich behalten kann … wenn ich meine Interessen in einem Streit impulsiv und lautstark statt achtsam durchsetze … wenn ich in der Sauna einem Klienten begegne oder deshalb gar nicht in die Sauna gehe … wenn ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe und etwas gar nicht so genau weiß aber so getan habe … wenn ich „über die Maßen“ gelobt werde … Es gibt so viele Formen von Scham, wir schämen uns für Fehler und Schwächen, auch und besonders für vermeintliche (z.B. weinen zu müssen), für Herkunft und Aussehen, für unsere Liebsten, für Religion oder Atheismus, für Essverhalten und die bevorzugte Mobilität (Auto) usw.usf., und all diese Schamvarianten sind so allgegenwärtig, dass „Wegducken“ und Abwarten, bis die Schamröte sich verzieht, nicht zum nachhaltigen Erfolg führen. Und die beherzte Strategie „Die Scham ist vorbei“ nach dem Motto „Mit mir ab sofort nicht mehr“ funktioniert auch nicht besser.

„Wir alle haben Angst, über Scham zu sprechen“, weiß die Schamforscherin Brené Brown. Doch: „Je weniger wir über Scham sprechen, desto mehr Kontrolle gewinnt sie über unser Leben. … Wenn etwas Beschämendes passiert und wir es unter Verschluss halten, dann eitert und wuchert es.“ Letztlich geht es um unseren Selbstwert oder um die Sorge um unseren Selbstwert. Wie liebenswert bin ich wenn … ich unvollkommen bin? Brené Brown berichtet auch aus eigener Erfahrung: Bei Frauen entstehe oft schon große Scham allein dadurch, dass sie sich zu Wort melden bzw. ihre Stimme erheben – weil sie zum großen Teil gelernt haben, angepasst zu sein und weil wir alle mehr oder weniger mit Scham als Erziehungsmethode in Kontakt kamen: „Sei brav oder schäm Dich!“ Nun bin ich doch versucht, nochmals auf das Kirchenthema zurückzukommen …

Die Lösung des Problems besteht jedenfalls nicht darin, sich einen Panzer zuzulegen und so zu tun, als ob uns die anderen und ihre Reaktionen, die uns verunsichern oder verletzen können, egal wären. Angst vor Scham kann uns vom sozialen Leben abhalten. Es ist eine Scheinautonomie, nicht untypisch für Menschen, die mit toxischer Scham gequält wurden (siehe Dami Charf, Buchtipps). Stattdessen wäre es hilfreicher zu lernen, liebevoll(er) mit uns selbst umzugehen, uns authentisch zu zeigen – auch unsere Gaben!* Den Perfektionismus, der aus der Scham geboren wurde („bloß nichts falsch machen!“), langsam ablegen. Und ab und zu spielen, einfach spielen, etwas „Sinnloses“ tun, das nicht auf unsere to-do-Liste steht.

Brené Brown liefert also gewissermaßen eine Innenperspektive der Scham plus Strategie und viele Tipps für Betroffene, d.h. für uns alle. Daniel Hell schaut zwar eher von außen darauf, bezieht aber auch eigene therapeutische Erfahrungen im Umgang mit Scham ein. Deutliche Schamgefühle können nach seiner Erfahrung im therapeutischen Prozess anzeigen, dass das Selbstvertrauen des Klienten ansteigt und die zuvor oft feststellbare Selbstentwertung an Dominanz verliert. Scham setzt nämlich ein gewisses Maß an Selbstachtung voraus: Wer sich schämt, hält es aus, sich mit sich selbst zu beschäftigen – wer dagegen nur gekränkt ist, sucht die Ursache und die Lösung beim anderen.  

Scham kann so abschreckend, so leidvoll und auch furchtbar mitleiderregend sein, uns so hilflos und ohnmächtig fühlen lassen, dass der Wunsch, sie zu „bekämpfen“, zum Verschwinden zu bringen oder zu ignorieren, mehr als nachvollziehbar ist. Aber sie verschwindet ohnehin nicht durch Ignorieren, also könnten wir mal genauer hinschauen – und vielleicht etwas Gutes entdecken. Mir jedenfalls fällt es etwas leichter, mit eigener Scham umzugehen, seit ich sie mit Selbstachtung verbinden kann.   

*Extratipp, falls Sie es noch nicht kennen: „Unsere tiefste Angst ist nicht …“ Übrigens führt dieser Link zum „Brennstoff“, einer großartigen Zeitschrift für nachhaltiges Engagement!

Buchtipps:

Brené Brown, Die Gaben der Unvollkommenheit. Las los, was Du glaubst, sein zu müssen und umarme, was Du bist, jkamphausen, Bielefeld 2015

Daniel Hell, Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen, Herder, Freiburg 2019

Dami Scharf: Auch alte Wunden können heilen, Kösel, München 2018, hier S. 224-233 („Emotionale Assoziationen“ und „Scham und frühe Wunden“)