Sch wie Scham

Wir alle schämen uns. Jedoch mehr oder weniger. Wenn Menschen Fake News in Umlauf setzen, also Fakten und Zusammenhänge zurechtbiegen, um die eigene Weltanschauung zu untermauern, habe ich mich schon manchmal gefragt: „Wo bleibt da eigentlich die Scham?!“ Noch etwas mehr empöre ich mich, wenn in ähnlicher Weise in „seriösen“ Medien reißerisch zurechtgetrimmte Beiträge veröffentlicht werden, z.B. damit die Story mehr Abnehmer findet: Man interviewt einen Protagonisten zwei Stunden lang und sendet oder schreibt dann genau die zwei Sätze, die ihn und sein Anliegen als lächerlich erscheinen lassen. Leider sind das keine Ausreißer, wie der Extremfall Claas Relotius mit seinen teils „schamlos“ erfundenen Spiegel-Reportagen, sondern eher alltägliche Phänomene. Als Journalist habe auch ich, gerade in der Anfangszeit, (hoffentlich selten) Artikel geschrieben, für die ich mich im Nachhinein schämen musste, etwa da ich über die Liebe zur Pointe und zum „runden“ Beitrag vernachlässigt hatte, was die veröffentlichte Geschichte bei Menschen auslöst, die in ihr vorkommen.

Seit ich eine eigene Website habe, beschäftigt es mich wieder mehr: „Sich wie nackt fühlen.“ Kein Wunder, dass mir prompt das Buch von Daniel Hell ins Auge fiel, ausgerechnet in eimem Klosterbuchladen – Scham und Kirche, das wäre ein eigener Beitrag. Bleiben wir bei Daniel Hell: Scham ist ein Indiz der Selbstachtung, versichert der Psychiater, sie rufe uns eindringlich unsere eigenen Werte in Erinnerung. Sie bestärke unsere Würde und helfe zwischenmenschliche Probleme zu regulieren. Selbstverständlich würde ich gerne auf das Gefühl der Pein(lichkeit) verzichten. Sich verstecken bzw. in den Boden versinken, warten, dass Gras über die Sache wächst. Allerdings, derweil entstehen ständig neue Anlässe für Scham: Wenn ich etwas nicht für mich behalten kann … wenn ich meine Interessen in einem Streit impulsiv und lautstark statt achtsam durchsetze … wenn ich in der Sauna einem Klienten begegne (oder deshalb gar nicht in die Sauna gehe) … wenn ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe und etwas gar nicht so genau weiß (aber so getan habe) … wenn ich „über die Maßen“ gelobt werde … Es gibt so viele Formen von Scham, wir schämen uns für Fehler und Schwächen, auch und besonders für vermeintliche (z.B. weinen zu müssen), für Herkunft und Aussehen, für unsere Liebsten, für Religion oder Atheismus, für Essverhalten und die bevorzugte Mobilität (Auto) usw.usf., und all diese Schamvarianten sind so allgegenwärtig, dass „Wegducken“ und Abwarten, bis die Schamröte sich verzieht, nicht zum nachhaltigen Erfolg führen. Und die beherzte Strategie „Die Scham ist vorbei“ nach dem Motto „Mit mir ab sofort nicht mehr“ funktioniert auch nicht besser.

„Wir alle haben Angst, über Scham zu sprechen“, weiß die Schamforscherin Brené Brown. Doch: „Je weniger wir über Scham sprechen, desto mehr Kontrolle gewinnt sie über unser Leben. … Wenn etwas Beschämendes passiert und wir es unter Verschluss halten, dann eitert und wuchert es.“ Letztlich geht es um unseren Selbstwert oder um die Sorge um unseren Selbstwert. Wie liebenswert bin ich wenn … ich unvollkommen bin? Brené Brown berichtet auch aus eigener Erfahrung: Bei Frauen entstehe oft schon große Scham allein dadurch, dass sie sich zu Wort melden bzw. ihre Stimme erheben – weil sie zum großen Teil gelernt haben, angepasst zu sein und weil wir alle mehr oder weniger mit Scham als Erziehungsmethode in Kontakt kamen: „Sei brav oder schäm Dich!“ Nun bin ich doch versucht, nochmals auf das Kirchenthema zurückzukommen …

Die Lösung des Problems besteht jedenfalls nicht darin, sich einen Panzer zuzulegen und so zu tun, als ob uns die anderen und ihre Reaktionen, die uns verunsichern oder verletzen können, egal wären. Angst vor Scham kann uns vom (sozialen) Leben abhalten. Stattdessen wäre es hilfreicher zu lernen, liebevoll(er) mit uns selbst umzugehen, uns authentisch zu zeigen – auch unsere Gaben!* Den Perfektionismus, der aus der Scham geboren wurde („bloß nichts falsch machen!“), langsam ablegen. Und ab und zu spielen, einfach spielen, etwas „Sinnloses“ tun, das nicht auf unsere to-do-Liste steht.

Brené Brown liefert also gewissermaßen eine Innenperspektive der Scham plus Strategie und viele Tipps für Betroffene (d.h. für uns alle). Daniel Hell schaut zwar eher von außen darauf, durchforstet die Kulturgeschichte und die Fachliteratur, wirkt manchmal etwas theoretisch, bezieht aber auch eigene therapeutische Erfahrungen im Umgang mit Scham ein. Deutliche Schamgefühle können nach seiner Erfahrung im therapeutischen Prozess anzeigen, dass das Selbstvertrauen des Klienten ansteigt und die zuvor oft feststellbare Selbstentwertung an Dominanz verliert. Scham setzt nämlich ein gewisses Maß an Selbstachtung voraus: Wer sich schämt, hält es aus, sich mit sich selbst zu beschäftigen – wer dagegen nur gekränkt ist, sucht die Ursache (und die Lösung) beim anderen.  

Scham kann so abschreckend, so leidvoll und auch furchtbar mitleiderregend sein, uns so hilflos und ohnmächtig fühlen lassen, dass der Wunsch, sie zu „bekämpfen“, zum Verschwinden zu bringen oder zu ignorieren, mehr als nachvollziehbar ist. Aber sie verschwindet ohnehin nicht durch Ignorieren, also könnten wir mal genauer hinschauen – und vielleicht etwas Gutes entdecken. Mir jedenfalls fällt es etwas leichter, mit eigener Scham umzugehen, seit ich sie mit Selbstachtung verbinden kann.   

Buchtipps: Brené Brown, Die Gaben der Unvollkommenheit, und Daniel Hell, Lob der Scham – zwei sehr unterschiedliche und sich ergänzende Ansichten von Scham.

*Extratipp, falls Sie es noch nicht kennen: „Unsere tiefste Angst ist nicht …“ Übrigens führt dieser Link zum „Brennstoff“, einer großartigen Zeitschrift für nachhaltiges Engagement!

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