A wie Angst

Viele Patienten mit Angst- und Panikstörungen wissen aus Erfahrung, die Angst lässt irgendwann wie von alleine nach, wenn ich sie zulasse. Ich muss es „nur“ bis zu dem Punkt aushalten … Es geht also nicht darum, die Angst auszusperren, sondern sie im Gegenteil anzuschauen. „Wo die Angst ist, geht’s lang“, lautet eine Devise in der Therapie. Mir gefällt dabei auch die Einsicht, dass unsere größten Ängste meist mit unseren größten Sehnsüchten zu tun haben. Das macht die Erforschung der eigenen Angst wesentlich attraktiver – und schon wird sie kleiner.

Wozu Angst in der Lage ist, erleben wir gegenwärtig in vielen Facetten. Wenn die Angst vor der ersten Welle sich im Nachhinein im Großen und Ganzen als überzogen erwies, dann lässt sie sich doch problemlos mit der Vorstellung einer zweiten Welle wiederbeleben. Oder wir phantasieren gleich davon, was passieren könnte, wenn das Virus so mutiert, dass es noch viel gefährlicher wird – eine Gefahr, die schon immer bestand und sogar nie ganz abwegig war, aber erst jetzt unglaublich real wirkt.

Eine mobilisierte Angst findet ständig neue Projektionsflächen: Heute habe ich Angst um meinen Arbeitsplatz, morgen komme ich wegen der Sorgen um meine alte Mutter nicht zur Ruhe, übermorgen fürchte ich um meine eigene Gesundheit. Vielleicht ist mein Arbeitsplatz wirklich in Gefahr, und meine Mutter ist tatsächlich alt und gebrechlich … und ich selbst bin absolut nicht mehr so fit wie mit 25. Aber es ist auch möglich, dass der reale Gehalt meiner Ängste erkennbar geringer ist, als dass er für das Ausmaß meiner Angst verantwortlich sein könnte. Vielleicht signalisieren mir mein Umfeld oder mein Arzt oder sonstige „Experten“, dass die Ängste ziemlich übertrieben sind. Doch das unsagbare Beklemmungsgefühl bleibt, wie im Traum, wenn man um sein Leben laufen will, aber nicht vom Fleck kommt. Dann ist es an der Zeit, sich der Angst zuzuwenden – statt den wechselnden Themen, auf die sie sich bezieht.

Kennen Sie solche Alpträume, in denen Sie beraubt werden? Möglicherweise stehen die dabei erlebten Gefühle der Ohnmacht für eine Angst, des Lebens beraubt zu werden oder den Reichtum des Lebens zu verlieren. Andere prominente Träume kreisen um Versagensängste: Nackt sein vor andern, sich mit einer falschen Handlung ins Abseits gestellt zu haben, geächtet zu werden, minderwertig zu sein, etwas nicht zu schaffen, was von andern erwartet wird.

Solche und andere Alpträume sind aufschlussreich, da sie verraten, woher unsere Ängste kommen oder woher sie so viel Macht beziehen: Bei der Befriedigung unserer primären seelischen Bedürfnisse nach Bindung, Autonomie und Anerkennung ist manches nicht optimal gelaufen, daher fühlen wir uns halt- und hilflos, ohnmächtig und minderwertig, nicht kompetent genug für die Aufgaben des Lebens. Diese Angst vor dem Leben äußert sich kurioserweise häufig in Angst vor dem Tod. Und da Angst vor dem Tod im Prinzip etwas sehr Berechtigtes ist, kann der eigentliche Zusammenhang länger verborgen bleiben, es sei denn der Betroffene ist ein junger, vitaler Sportsmann, der ständig in der Notaufnahme des Krankenhauses auftaucht, weil er an Herzversagen zu sterben befürchtet.

Wenn wir uns auf den Zusammenhang mit den primären seelischen Bedürfnissen beschränken, lässt sich ein sehr allgemeines „Rezept“ gegen Angst formulieren: Für Bindung, Autonomie und Anerkennung sorgen! Bindung erfahren wir in Beziehungen, in Gruppen und Gemeinschaften, vielleicht auch in Religionen (manche Theologen übersetzen den Begriff „Religion“ mit Bindung und Halt). Erlebter Halt kann gegen Angst helfen. Es braucht aber auch das eigene Tun, die Autonomie und das aktive Handeln, ohne dass uns ständig jemand am Händchen hält, das kann immer wieder mit Kleinigkeiten anfangen (z.B. im Tagesverlauf, wenn morgens schon die Angst sich meldet) und dann ausgebaut werden. Und nicht zuletzt benötigen wir Anerkennung für das, was wir bereits geleistet haben – von anderen, aber auch von uns selbst, die aktive Erinnerung an das, was gut lief, was ich gut gemacht habe, was ich kann.

In der Kombination von Bindung, Autonomie und Anerkennung entsteht das Gefühl der Kompetenz oder Selbstwirksamkeit, dieses „du schaffst das“ oder „wir schaffen das“. Ich erlebe das immer wieder als wesentliche Qualität von erfolgreicher Therapie, insbesondere Gruppentherapie: Zuversicht, mit der sich scheinbar aussichtslose „Fälle“ in lebenskompetente Patienten verwandeln.

Angst hat also mehr als einen Gegenspieler. Neben dem oft zitierten Mut gehört die Zuversicht dazu und ist wahrscheinlicher viel wichtiger. Sie ist jener große Anteil an jedem Heilungsprozess, den die Medizin „Placebo“ nennt. Sie beruht z.T. auf Vertrauen in den Therapeuten, die Medikation, das Krankenhaus oder allgemeiner das Umfeld, aber auch auf wiederholter Erfahrung: dass schwierige Entwicklungen eine gute Wendung genommen haben.

Es geht jedenfalls nicht darum, ohne Ängste zu leben. Denn zu den wesentlichen Freiheiten des Lebens gehört, frei nach Virginia Satir (der großen Familientherapeutin), jene bedeutende Freiheit, Risiken einzugehen – und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Leben bedeutet, etwas wagen! Doch auch wenn wir nichts wagen, wenn wir scheinbar ganz auf der sicheren Seite sind, wenn wir bereit sind, alles für die (vermeintliche) Sicherheit (her) zu geben, dann hat das seinen Preis und seine Risiken. Und die Angst wird seltsamerweise dabei immer größer. Vielleicht ist es an der Zeit, sich dies bewusst zu machen, in diesen Zeiten der Angst.