A wie Antipsychotika

Vorbemerkung: Das Absetzen von Arzneien kann u.a. zu schwerwiegenden Entzugserscheinungen mit unvorhersehbaren Folgen führen. Ich weise daher ausdrücklich darauf hin, dass weder in diesem noch in anderen Beiträgen des Blogs wastutdirgut.de dazu geraten wird, eigenmächtig Medikamente abzusetzen. Im Gegenteil rate ich auch und gerade bei Psychopharmaka zu Rücksprache mit einem Arzt und zu ärztlicher Begleitung.

Halluzinationen, Wahn, starke Erregungen – die Geschichte der Psychiatrie steckt voller schrecklicher Geschichten über die Behandlung der davon Betroffenen. Immer ging es darum, störende Menschen still zu stellen und zwar, so paradox das klingt, mit allen barbarischen Mitteln der Zivilisation, von Elektroschocks und chemischen Schocktherapien bis zur chirurgischen Durchtrennung von Hirnstrukturen (Lobotomie). Da war es verständlicherweise ein Riesenfortschritt, als Mitte der 1950er Jahre mit Chlorpromazin das erste Antipsychotikum auf den Markt kam, die gefeierte „chemische Zwangsjacke“ oder „chemische Lobotomie“.

Wie bei den modernen Antidepressiva tauchte bald die Theorie auf, diese, auch Neuroleptika genannten Mittel, würden ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn beheben. Tatsächlich hemmen sie Gehirnfunktionen, so dass Patienten sich betäubt und wie abgeschnitten von sich selbst fühlen, Denk- und Verhaltensstörungen entwickeln, Parkinson bekommen und depressiv werden. Aber schon ereignete sich der nächste Riesenfortschritt, die „atypischen“ Neuroleptika betraten die Bühne bzw. wurden von der Pharmaindustrie hinaufgeschubst: Risperidon, Olanzapin, Quetiapin & Co. Mit den üblichen Tricks bei Studien – unverblindet, zu kurz, zu klein, keine echten Plazebogruppen usw. – wurde „belegt“, dass sie besser und verträglicher sind als ihre Vorgänger.

Viele Menschen erleiden bei natürlichem Verlauf nur einmalig in ihrem Leben eine akute Psychose. Die Anwendung von Antipsychotika erhöht deutlich die Rückfallwahrscheinlichkeit, vermutlich weil diese Mittel das Gehirn empfindlicher machen. Also Dauertherapie? Antipsychotika in Daueranwendung verkürzen das Leben drastisch: dass Risiko für plötzlichen Herztod und Schlaganfall steigt, aber auch jenes für Stürze und Hüftfrakturen, last not least führen sie zu erheblicher Gewichtszunahme und Diabetes. 30% der Patienten nahmen in einem Jahr 10 Kilo oder mehr zu. Unternehmen wie Eli Lilly (Olanzapin) vertuschten dies jahrelang erfolgreich vor oder mit den Behörden, obwohl es viele Patienten wussten. Ja, nicht alle Patienten lassen sich täuschen. Es ist weit verbreitete Praxis, die Tabletten nach Einnahme in Kliniken heimlich auszuspucken oder im ambulanten Bereich gleich die ganze Packung fortzuwerfen. Manche werden auf diese Weise gesund, aber das ist ein ziemlich gefährlicher Weg – ohne fachliche Begleitung.

Peter C. Gøtzsche ist nach ausführlichen Recherchen zu dem Schluss gekommen, dass die Symptome, die man den Psychosen zuordnet, in den meisten Fällen von den Medikamenten hervorgerufen werden. Die neuen Präparate sind dabei nach Gøtzsche „ebenso schlecht und manchmal schlimmer als die alten“. Um wissenschaftlich zu demonstrieren, wie effektiv sie wirken, setzten die Pharmaindustrie bzw. ihre forschenden Handlanger die Medikamente in der Plazebogruppe abrupt ab, viele Studienteilnehmer litten daher sofort unter der berüchtigten extremen Unruhe (Akathisie), eine Reihe von Betroffenen starb, teilweise nahmen sie sich selbst das Leben.

Doch Psychiater, die andere Wege gingen und ohne Antipsychotika behandelten, wurden massiv gemobbt, und Studien, die die Vorteile von nicht-medikamentöser Behandlung zeigten, unterdrückt. Die Pharmaindustrie und ihre wissenschaftlichen Helfer taten außerdem alles, um zu verschleiern, dass Benzodiazepine, also Beruhigungsmittel, deren Patentschutz längst abgelaufen ist, die also wenig kosten, oft wirksamer sind als die angeblichen spezifischen Antipsychotika. Gleichzeitig wurden diese Medikamente auch in wachsender Zahl bei ganz anderen Indikationen verordnet, also doch unspezifisch, immer dort eben, wo das Ruhigstellen von Patienten erwünscht ist.

Eli Lilly reichte solche Erfolge nicht, die Firma wollte Olanzapin allen Ernstes als „Stimmungsstabilisator“ vermarkten. Makaber, aber wahr: Wer richtig ruhig gestellt ist, kann natürlich nicht mehr auf trübe Gedanken kommen, der kann vielleicht gar keinen klaren Gedanken mehr fassen. In ähnlicher Weise vermarktete Warner-Lambert das Antiepileptikum Gabapentin als Stimmungsstabilisator. Die Firma, ihr Medikament Neurontin und die Marketingpraxis wurden später von Pfizer übernommen, die damit Milliardenumsätze erzielte – und 2010 immerhin 430 Millionen Dollar Strafe wegen krimineller Vermarktung zahlen musste. Johnson & Johnson wiederum musste 1,5 Milliarden Dollar Strafe wegen betrügerischer Vermarktung von Risperidon zahlen.

Psychopharmaka können Patienten sedieren und betäuben oder stimulieren, dies kann bei akuten Zuständen nötig sein, vor allem weil uns überzeugende psychiatrische Behandlungskonzepte fehlen und „irgendwas“ ja getan werden muss. Aber diese Medikamente können weder die „Stimmung“ aufhellen noch stabilisieren. Wenn man sie jahrelang nimmt, erzeugen und verstärken sie die Probleme, gegen die sie verordnet werden. Daher ist es mehr als absurd, wenn Pharmafirmen mittlerweile sogar eine „vorbeugende“ Verordnung bewerben.

Sämtliche Psychopharmaka machen abhängig, denn für alle wurden Entzugssymptome nachgewiesen. Diese sind häufig so heftig, dass ein Absetzen nicht möglich erscheint oder schnell wieder zur Neuverordnung führt. „Nur wenige klinische Herausforderungen sind schwieriger und riskanter“, schreibt Peter C. Gøtzsche, „als das Absetzen von Antipsychotika, die ein Patient jahrelang genommen hat.“

Die Kriterien für Abhängigkeit wurden in den 1980er Jahren systematisch aufgeweicht, damit sich die massive Suchtproblematik psychiatrischer Patienten besser vertuschen ließ. Doch Fachleute an der Front wie Jann E. Schlimme, der bis 2015 eine Sprechstunde zum Reduzieren oder Absetzen von Psychopharmaka an der Charité leitete, kritisieren, dass das Problem der Abhängigkeit bei Antidepressiva und Neuroleptika oft ignoriert werde. Die Chronifizierung der Erkrankung geht häufig auf das Konto der Medikamente. Es ist ein Teufelskreis: Patienten und ihre Ärzte haben mit dem Absetzen so schlechte Erfahrungen so wenig Ahnung von sicheren Strategien des Ausschleichens, dass die Wahrscheinlichkeit für ein neues Rezept riesengroß ist.

Der Psychiater Stefan Weinmann hält die Psychiatrie als Fachgebiet für „vermessen“, also anmaßend, weil sie den Mund viel zu voll nimmt. Sie tut so, als könnte sie die Störungen psychiatrischer Patienten erklären und behandeln, de facto schießt sie mit der „Schrotflinte Psychopharmaka“ ins Gehirn, erzielt tiefgreifende, aber entgegen anderslautender Behauptungen unspezifische Effekte. Auch Weinmann bekräftigt, dass es sich häufig bei dem, was als Störung dokumentiert wird, in Wahrheit entweder um Medikations- oder um Absetzeffekte handele. Psychopharmaka „helfen nur manchmal und lassen langfristig oft im Dunkeln, ob sie mehr geschadet oder mehr geholfen haben.“

Die Psychiatrie beruht auf übertriebenen Ambitionen und auch auf der unüberbietbar naiven Annahme, dass man den Menschen mit modernen diagnostischen Methoden ins Gehirn schauen könne. Doch der Grund für entsprechende Forschungen, mit denen viel Geld gemacht wird, ist vielleicht gar nicht nur kommerzieller Natur, vielleicht teilt die Psychiatrie einfach die Angst von weiten Teilen der Gesellschaft, dass die Auffälligkeiten ihrer Klientel doch mehr mit dem sozialen Umfeld als mit Fehlern im Gehirn zu tun haben könnten. „Das überraschendste Ergebnis meines Ansatzes ist die Erkenntnis, dass wir es bei den meisten Menschen, denen wir eine sogenannte psychische Störung attestieren, mit ganz normalem Verhalten zu tun haben. Eine erschreckende Erkenntnis?“

Literatur:

  • Peter C. Gøtzsche, Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen. Wie Ärzte und Pharmaindustrie die Gesundheit von Patienten vorsätzlich aufs Spiel setzen, riva, München 2016
  • Jann E. Schlimme, Thelke Scholz, Renate Seroka: Medikamentenreduktion und Genesung von Psychosen, Psychiatrie-Verlag, Köln 2019
  • Stefan Weinmann, Die Vermessung der Psychiatrie. Täuschung und Selbsttäuschung eines Fachgebiets, Psychiatrie-Verlag, Köln 2019