H wie Heilpraktiker/in

„Heilpraktiker“, das ist offenbar ein dankbares Thema, um für Auflage und Quoten zu sorgen, neuerdings sogar über das berüchtigte Sommerloch hinaus. Aus aktuellem Anlass möchte ich mich daher einmal mit einigen Aspekten beschäftigen.

Kennen Sie das vielleicht wichtigste Prinzip der journalistischen Ethik? Die „Gegenrecherche“. Ich habe das schon vor meinem Zeitungsvolontariat gelernt: Dass man als Autor auch all jene Fakten, Hinweise und Argumente ermittelt und berücksichtigt, die die eigene Hypothese in Frage stellen. Manchmal bedeutet dies, da man gar nicht genau „die“ Wahrheit ermitteln kann, dass man auch die Gegenseite zu Wort kommen lässt. Das Ergebnis ist dann ein Beitrag zur Meinungsbildung. Stattdessen erleben wir, gerade wenn es um Naturheilkunde geht, immer mehr Meinungsmache und Kampagnenjournalismus.

Und kennen Sie auch das wichtigste Prinzip der medizinischen Ethik? Primum non nocere. Was soviel heißt wie: Erstens nicht schaden! Heilpraktiker/innen sind eigentlich Experten dafür: Ihre Zulassung, also Überprüfung vor dem regional zuständigen Gesundheitsamt, hat das primäre Ziel auszuschließen, dass die Anwärter eine Gefahr für die Gesundheit des Patienten oder der Volksgesundheit sein könnten. Daher müssen sich die Prüflinge als topfit in schulmedizinischen Kenntnissen erweisen – und immer demonstrieren, dass sie ihre Grenzen kennen. Wer die HP-Überprüfung für eine Lappalie hält, hat keine Ahnung! Niemand absolviert das „nebenbei“.

Heilpraktiker dürfen keine nebenwirkungsreichen, also rezeptpflichtigen Arzneimittel verordnen, sind also per se zur „sanften Medizin“ verdonnert. Das das ist kein Fluch, sondern ein Segen: Jedes Medikament, das der HP Ihnen verabreicht oder verordnet, könnten Sie sich auch selbst besorgen, weil es relativ nebenwirkungsarm ist. (Bekanntlich macht die Dosis das Gift …) Nur kennt er/sie sich besser aus als Sie. Und Heilpraktiker führen auch keine Operationen durch, was zwar im Gesetz selbst nicht explizit formuliert ist, aber jedem verantwortungsbewussten HP und allen HP-Fachverbänden ganz selbstverständlich erscheint.

Schätzen Sie einmal, wie hoch die Haftpflichtprämie für Heilpraktiker/innen ist. Ich zahle, wie tausende anderer HP auch, rund 120 Euro – nicht pro Woche, sondern pro Jahr. Da legt fast jeder Skatverein mehr hin. Wie kommt das? Weil ich nicht so viel Bier trinke? Nein, sondern weil im Großen und Ganzen bei den allermeisten HP keine gravierenden Schadensfälle vorkommen, für die die Haftplicht eintreten müsste.

Sicher kann man darüber streiten, ob jeder HP seinen Patienten die jeweils bestmögliche Therapie angedeihen lässt – und ob die sanfte Medizin manchmal die im Einzelfall notwendige „Hardcore-Therapie“ verhindert. Dennoch rechtfertigt das mitnichten jene Aufregung, mit der Medien, Politiker und Ärztefunktionäre bisweilen Heilpraktiker zum größtmöglichen Risiko hochstilisieren.

Ja, es gibt wie überall auch unter den Heilpraktikern schwarze Schafe, die ihre Grenzen nach der erfolgreichen Überprüfung vergessen oder verdrängen, und dem Geld zuliebe unseriöse und bisweilen gefährliche Therapien verkaufen. Meist geht es dabei nicht um Naturheilkunde, sondern um Krebstherapie oder Schönheitsversprechen. Ethik ist eben schlecht durch eine Prüfung feststellbar … Dennoch möchte ich zu den HP-Scharlatanerien mal eine Statistik sehen, diese darf gerne geschätzt und hochgerechnet sein. Diese Zahlen möchte ich dann in Relation setzen, nein, nicht zu den schwarzen Schafen unter Ärzten (von wegen Krebstherapie und Schönheitsversprechen …) oder unter Apothekern, Journalisten, Politikern usw., sondern zu der Zahl der Patienten, die jährlich an den Nebenwirkungen von Medikamenten versterben, allein Tausende in Folge von Schmerzmittelkonsum, oder nach Operationen zum Invaliden werden oder bereits Tage später stillschweigend ableben.

Es gibt Jahr für Jahr ungeheuer viele überflüssige medizinische Leistungen, auch und gerade in der angeblich wissenschaftlich belegten Medizin. Mag sein, das auch bei HPs eine Menge Geld für Placebo und Hokuspokus verpulvert wird. Doch Placebo hat einen viel zu schlechten Ruf und passt auf HP-Praxen gar nicht: die Selbstheilung aktivieren, was gibt es denn Wichtigeres? Primum non nocere! Der eigentliche Skandal sind jene zahlreichen unnötigen Leistungen, an denen die Patienten massiven Schaden nehmen – und diese werden nicht von Heilpraktikern erbracht. Wer zeigt da eigentlich mit nacktem Finger auf angezogene Menschen? Zuletzt unter anderem Ärztefunktionäre im Ruhestand, die mal besser im eigenen Stall für mehr Ordnung gesorgt hätten.

Ärzte sind selbstverständlich nicht die schlechteren Therapeuten! Allerdings hat der Kassenarzt eine Stellung im Gesundheitswesen, die es im dank Zeit- und Kostendruck selten erlaubt, eine Medizin anzubieten, die der oder die durchschnittliche HP-Patient/in sucht. 1 Milliarde Euro setzen die ca. 50.000 HP-Praxen pro Jahr um, rund die Hälfte davon blättern die Patient/inn/en selbst hin, also ohne dass irgendeine Beihilfe, Privat- oder Zusatzversicherung etwas zurückerstatten würde. Es wäre eine Illusion anzunehmen, diese Menschen könnten oder würden das Geld auch in eine Arztpraxis tragen, wo 80, 100 oder mehr Patienten pro Tag durchgeschleust werden müssen. Oder zu einem Facharzt, bei dem sie wochenlang auf den Termin warten, um dann oft alles andere als ganzheitlich gesehen zu werden oder sich verstanden zu fühlen. Privatärzte wiederum arbeiten im Prinzip wie Heilpraktiker, nur mit wesentlich mehr Kompetenzen (was in Ordnung ist) und meist wesentlich höheren Honoraren, die Zahl der Selbstzahler ist daher dort im Durchschnitt gering.

Illusionär wäre es, mit der Abschaffung oder noch weiteren Einschränkung der HP-Befugnisse, würde irgendetwas sicherer und besser für diese Patienten oder für die im Gesetz so benannte „Volksgesundheit“. Die genannten Bedürfnisse würden sich nur noch mehr in unregulierten grauen Märkten Angebote suchen.

Die Heilpraktiker ergänzen also das Gesundheitssystem um einen wichtigen und weitgehend regulierten Beitrag, und das auch noch zu meist sehr günstigen Preisen – wenn man davon absieht, dass für den Patienten nichts so günstig ist, wie beim Arzt die Karte vorzuzeigen. Wir haben allen Grund, unser Gesundheitssystem nicht in Bausch und Bogen zu verdammen. Ich jedenfalls bin froh und dankbar für die „Schulmedizin“ und die Kassenärzte, habe Respekt und Hochachtung vor dieser Arbeit! Dass umgekehrt nicht jeder froh und dankbar ist über den Beitrag der Heilpraktiker, kann ich gut nachvollziehen. Nicht nachzuvollziehen ist dagegen die „heilige Aufregung“, mit der neuerdings gegen die HP zu Felde gezogen wird. Ich wünschte mir solchen „Eifer“ bei anderen medizinischen Themen, obwohl, wenn ich so darüber nachdenke, wünsche ich mir eigentlich viel mehr Vernunft statt Eifer – und ab und zu mehr Ethik, im Journalismus, in der Politik, im Gesundheitswesen.

Tipp: Wenn Sie sich mehr für die Realitäten rund um die Heilpraktiker/innen interessieren, lohnt sich ein Blick auf www.heilpraktiker-fakten.de. Und falls Sie an eine friedliche und sogar produktive Koexistenz von Ärzten und HPs (und vielen anderen Gesundheitsdienstleistern) glauben und diese fördern möchten: Unter dem Dach der Deutschen Naturheilbundes e.V. und in seinen zahlreichen Naturheilvereinen findet dieses Zusammenleben und -arbeiten seit vielen Jahren statt.