S wie Sinn

Menschen haben das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun – oder das, was sie tun, als sinnvoll zu (v)erklären. Alle Menschen? Ich weiß es nicht. Aber viele mit Sicherheit. Sonst hätte das Thema „Sinn“ nicht so häufig eine große Bedeutung in der Therapie.

Eine sinnvolle Arbeit kann Menschen zeitweise davon abhalten, seelisch krank zu werden, dafür kennen vermutlich auch Sie einige Beispiele. Oft wird das als sinnvoll erlebt, was man gut kann, wofür man kompetent ist … und wofür man Anerkennung bekommt (da hören Therapeut*innen natürlich schon die Nachtigall trapsen). Aber was ist, wenn uns die erstrebte sinnvolle Aufgabe verwehrt bleibt: ein Unternehmen aufzubauen, Mutter/Vater zu sein, Arzt/Ärztin, Schauspieler(in) oder Lehrer(in) zu werden? Oder wenn die Aufgabe weitgehend abgeschlossen ist, wir nicht mehr gebraucht und vielleicht ausgemustert werden? Wenn sich danach jeder „Ersatz“ – ein Hobby, ein Ehrenamt, ein Engagement – recht schal anfühlt? Was ist z.B. mit denen, die durch Schlaganfall oder Verrentung überraschend oder planmäßig aus ihren Aufgaben hinausgeworfen werden?

„Wer eine Aufgabe im Leben hat, der braucht keine Therapie.“ (V. Frankl) Ja, mag sein, doch ich bin noch nicht fertig mit dem ABER: Was ist mit denen, die an ihren Aufgaben, wie etwa die langjährige Pflege der Angehörigen, zerbrechen oder einfach nicht mehr die Power haben, um die Aufgaben zu erfüllen? Oder wenn sich die idealisierte Lebensaufgabe als ganz anders herausstellt als gedacht? Wenn wir uns für etwas ein Leben lang eingesetzt haben (Kinder, Kirche, Sozialismus oder auch „nur“ den eigenen Verein, die eigene Partei) und nun erkennen müssen, dass wir zu einem großen Teil Täuschungen erlegen sind.

Viktor Frankl (1905-1997) gilt allgemein als großes Vorbild, wie man extremes Leid und Lebensbedrohung psychisch überleben kann: Seine Familie starb in Konzentrationslagern und er selbst wurde erst am Kriegsende aus einem KZ befreit. Bis dahin hatte er psychisch und physisch überlebt, indem er eine Aufgabe in seinem Leben erkannt und an diesem Lebenssinn festhalten konnte. Darauf beruht die von ihm begründete Logotherapie, eine Richtung mit vielen sympathischen Annahmen und interessanten Methoden.

Es hat mit Sinn zu tun, dass wir unserem Leben immer wieder einen roten Faden einweben, uns bemühen, einen inneren Zusammenhang und ein Wozu erkennen zu lassen. Aber wer entscheidet darüber, was eine sinnvolle Aufgabe ist? Man könnte auch ganz provokativ fragen: Warum identifizieren sich Menschen mit Aufgaben, die es – salopp gesagt oder aus der Vogelperspektive betrachtet – sehr wahrscheinlich nicht wert sind? Lässt sich überhaupt die Frage nach dem Sinn meines Lebens von der erkenntnistheoretischen Frage trennen, ob es einen Sinn des Lebens „wirklich“ gibt? Muss ich vielleicht gläubig sein, um von Logotherapie zu profitieren?

Für viele Philosophen und erst recht für Theologen wird die Frage Wozu von einer höheren Wirklichkeit beantwortet – und Menschen mit Lebensaufgaben verstehen es oft genauso, wenn sie von Berufung reden. Von Friedrich Nietzsche stammt der von der Nachwelt gekürzte und damit sehr „logotherapeutisch“ klingende Satz: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Unter Berufung auf Nietzsche ist zwar in der Zeit, die Frankl überleben musste, viel menschenfeindlicher Un-Sinn begründet worden, andererseits muss deswegen das Gefühl von „Berufung“ nichts per se Verwerfliches sein.

Es hat allerdings immer wieder Philosophen gegeben, die umgekehrt das Vergessen der Sinnfrage für den besten Umgang damit gehalten haben – weil die Frage aus verschiedenen logischen oder ontologischen Gründen unsinnig sei: Auf die Frage nach den letzten Dingen gibt es nämlich keine vernünftige positive oder negative Antwort. Die Antwort „liefert“, wenn überhaupt, ein Glaube an etwas sinnhaft Übersinnliches. Übrigens meint sogar Frankl, dass wir die Sinnfrage gar nicht stellen können. Das Leben stellt sie uns. Und wir beantworten sie (oder nicht).

Psychologen verschiedener Richtungen haben ebenfalls den übergeordneten Sinn als gesundheitsförderliche Strategie in Frage gestellt und eine derartige Suche, vor allem wenn sie zur Sucht wird, in den Bereich der Neurose gerückt: Es könnte sein, dass wir uns (vermeintlich) großen Aufgaben hingeben, Hingabe ist in diesem Kontext übrigens ein bezeichnendes Wort, weil wir uns anders selbst nicht lieben können – doch mit der großen Aufgabe lernen wir die Selbstliebe erst recht nicht und werden auch von anderen nur bedingt geliebt, nämlich als der oder die, die viel leistet oder bewundernswert ist. Oft leben wir in einer Illusion, uns selbst zu lieben, wenn wir uns in der Aufgabe aufgeben.

Geht es also bei der Sinnfrage vielleicht um Ablenkung von ganz anderen Themen, die wir nicht anschauen wollen, und Fragen, denen wir uns nicht stellen: Was sind meine Wünsche an das Leben? Kenne und verfolge ich meine Bedürfnisse? Wofür könnte die Sinnfrage stehen?

„Na, lass doch jene, die es brauchen und es so wollen und solange es funktioniert und niemand schadet“, könnte man sagen. Doch selbst wenn es funktioniert, ist der Preis für das Lebensmodell „Sinn“ manchmal recht hoch: Der Aufgabe wird alles untergeordnet und der „Sinn“ für die alltäglichen Wunder des Lebens, die Freude an den Kleinigkeiten des Alltags, auch die Liebe kann darunter leiden. Insofern riecht „funktionieren“ verdächtig nach einer Kerze mit zwei Enden und nach Burnout.

Und: Es gibt keine Haltbarkeitsgarantie für das Modell. Ich habe schon vor Corona einige Menschen kennengelernt, bei denen es auf einmal nicht mehr „funktionierte“. Die Pandemie und die verschiedenen Lockdowns haben vielen Menschen ihre Aufgabe genommen, viele verzweifeln an der Neubesinnung in ihrem Leben. Ein Riesenproblem gerade für Menschen, die einst tieferen Sinn in der Arbeit erfahren haben, ihm aber jetzt nicht mehr folgen können.

„Wer keine Aufgabe mehr hat, muss aufgeben.“ (C. Wagner) Solche Kapitulation ist nicht selten der Beginn der Therapie – und die Neubesinnung sollte bloß nicht zu schnell auf neue Aufgaben zielen! Der Sinn ist nämlich überfordert, wenn er alleine es stemmen soll, dem Leben Halt zu geben oder es gar zu erfüllen. Da fehlen die Sinne und die Sinnlichkeit, die leistungsfreie Bindung an andere, da fehlt die Begeisterung für Zweckfreies – für Musik etwa oder Natur, da fehlen Blumen, Bäume und Tiere oder, warum nicht, Fußball, genau, da fehlt das Spielerische, vielleicht auch Blödsinn, auf jeden Fall fehlt die Leichtigkeit – all das, was Lebensqualität noch bedeuten kann, selbst wenn wir nicht oder nicht mehr aktiver Teil eines übergeordneten größeren Werks sein können. Ich würde fast sagen: Bei zu viel Sinn im Leben fehlt das Lebendige am Leben.

Menschen brauchen Liebe. Alle Menschen? Ziemlich sicher. Und sie suchen Versöhnung mit dem, was schief lief oder was sie verletzt hat. Die meisten zumindest. Der Sinn ist jedenfalls nicht die eine Antwort auf unsere großen Lebens- oder Therapiefragen. Was folgt daraus? Vielleicht: Bei Zeiten auch das Andere pflegen!

PS. Nachdem ich mir an dieser Nuss meine Zähne ordentlich ausgebissen hatte, hörte ich kürzlich ein Interview mit Marshall Rosenberg (dem Erfinder der Gewaltfreien Kommunikation), und für ihn schien das Problem ganz einfach: Es gibt ein tiefes Bedürfnis nach Sinn, und es gibt eine Reihe anderer wichtiger Bedürfnisse. Wenn man deren Befriedigung opfert, „nur“ um das Bedürfnis nach Sinn zu befriedigen, dann geht das meistens auf Dauer schief. Ist es wirklich so einfach?!