S wie Selbst

Die Vermischung von Psychologie mit Philosophie und Spiritualität kann zu wahren Höhenflügen einladen, allerdings verbunden mit einigen Risiken abzustürzen. In der praktischen Psychotherapie erweist sich das philosophische Talent von Patienten häufig als Gabe, den Panzer um die Gefühle oder den Widerstand gegen das Sichzeigen vor anderen zu festigen. Ich neige dann manchmal dazu, bei allem Respekt vor Angst und Scham, konfrontativ zu entgegnen: „Ich habe Philosophie studiert. Nach meiner therapeutischen Erfahrung hilft sie uns hier nicht weiter, solange Sie nicht in der Lage sind, über ihre Gefühle zu sprechen. Aber wir können uns gerne einmal nach Feierabend darüber unterhalten.“ Das sollte allerdings nicht dazu führen, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Es gibt deutliche Schnittmengen zwischen philosophischen, spirituellen und psychologischen Konzepten. (Und ja, früher war das ohnehin alles eins.)

An meiner Tür hing monatelang eine Spruchkarte: „Sei Du selbst!“ Irgendwie scheinen wir zu wissen, was gemeint ist – und es scheint Sinn zu machen, auch wenn Alltagsmenschen wie Sprachphilosophen vielleicht frech antworten würden: „Na, wer soll ich denn sonst sein?“ Warten Sie’s ab bzw. lesen Sie weiter!

Ich lese aus dem Imperativ „Sei Du selbst!“ heraus, dass man, um gesund, glücklich oder gelassen zu sein, sich eine gewisse Freiheit erarbeitet von Normen und Erwartungen, sich nicht zu sehr anpasst und auch nicht zu schnell mit den „kleinen Brötchen“ (Kompromissen des Lebens) zufriedengibt, sondern auf die innere Stimme hört.  Aber gibt es „die“ eine innere Stimme, sind da nicht viele? Anders gesagt, macht es Sinn, von „dem“ Selbst zu reden? Wenn auch vielleicht philosophisch nicht, so halte ich das Selbst doch für ein nützliches Konstrukt, eine hilfreiche Vorstellung in der Psychotherapie.

Erfolg in der Psychotherapie lässt sich bekanntlich mit vielen Begriffen beschreiben, die mit dem Wörtchen „selbst“ beginnen: Selbsterkenntnis, Selbstregulation, Selbstbestimmung, Selbstliebe, Selbstfürsorge, Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen … Irgendwie glauben wir zu wissen, was es damit auf sich hat, aber wenn man gezielt nach dem Selbst fragt, stellt sich heraus, dass man eigentlich nichts Genaues weiß. Gut, Philosophen würden vielleicht sagen, es handelt sich bei der Frage um einen Kategorien- oder jedenfalls um einen Denkfehler: Nur weil es viele sinnvolle Begriffe mit „selbst“ gibt, heißt das ja noch nicht, dass es „ein“ Selbst geben muss. Stimmt, aber das Konstrukt eines Selbst gibt vielen therapeutischen Bemühungen erst Halt.

Nehmen wir die Arbeit mit inneren Anteilen. Wenn in der Therapie alles festgefahren erscheint, kann es hilfreich sein, innere Anteile anzuschauen und zu würdigen: Bekannt sind etwa der innere Kritiker, der Antreiber, der Träumer, der Helfer, der Kämpfer, der Genießer … Oder man differenziert nach Alter und spricht von kindlichen und erwachsenen Anteilen (eventuell auch noch, unterschieden davon, verinnerlichte elterliche Anteile). Oft wird „das innere Kind“ in den Mittelpunkt gestellt, was aber die Arbeit nicht immer vereinfacht, wenn sich etwa das ganze Schauspiel ständig um „das“ innere Kind (in einer bestimmten Lebensphase) dreht. Alle inneren Anteile sind so etwas wie Rollen auf unserer Bühne des Lebens, und da gibt es eben prominentere Rollen, sozusagen Hauptdarsteller und die sich dafür halten sowie Randerscheinungen – Therapie bedeutet in diesem Modell nicht nur Selbsterkenntnis, sondern mehr und mehr auch Selbstbestimmung, welche Rollen in welcher Ausprägung das Schauspiel gestalten und dominieren.

Das Selbst ist dabei die zentrale Instanz, die die Bühne beobachtet und mehr und mehr als Regisseur eingreift, entscheidet, wer mehr Spielanteile bekommt, wer vielleicht erst aus der Verbannung (im Unbewussten in der Umkleide) auftauchen darf, oder ein ganz neues Kostüm erhält, eine neue Aufgabe. In der Therapie mit inneren Anteilen wird das Selbst mehr und mehr in sein Hausrecht versetzt, indem es mit den Anteilen, die zuvor vielleicht eigen- und übermächtig agierten, in Dialog tritt und die Verhältnisse klärt.

Dieses, ein bisschen ominöse Selbst ist in gewisser Weise der reflektierende Erwachsene, der mit dem Bewusstsein für die eigenen Ressourcen und mit der Fähigkeit zur Distanz zu den inneren Anteilen ausgestattet ist bzw. in der Therapie darin fit gemacht wird. Das Selbst bekommt die Führung übertragen, indem es lernt, gleichzeitig distanziert-rational mit den Anteilen umzugehen und sie empathisch zu verstehen – eben ein ganz neues Selbstverständnis zu entwickeln.

Zu den zahlreichen Schnittmengen zwischen Psychotherapie und buddhistischer Praxis (Meditation und Achtsamkeit) gehört die Parallele zwischen der Arbeit mit Anteilen in der Therapie und der meditativen Beobachter-Übung: Diese besteht darin, in der Meditation alles zuzulassen und zu begrüßen, was sich zeigt, ohne sich damit zu identifizieren. Man spricht auch davon, einen inneren Raum zu öffnen – und die Instanz, die das alles beobachtet oder eben den Raum öffnet, alles herein- und auch wieder herauslässt, die muss wohl so etwas wie das Selbst sein. Sie ist weder überflutet und hinweggerissen von Emotionen, noch hat sie es nötig, Gefühle oder Gedanken abzuspalten, sie kann sie einfach lassen.

Ist dies mehr als ein Konstrukt? Ein bisschen erinnert eine solche Herleitung des Selbst an das Cogito-ergo-sum des Descartes: Wenn man sein Denken reflektiert, muss man zu dem Schluss kommen, dass es da ein Subjekt gibt, das da reflektiert, also so etwas wie ein Ich. Schwer zu sagen, ob es mehr sein muss als ein Konstrukt. Es geht ja um psychische „Tatsachen“, da müsste das „Selbst“ nicht unbedingt ein Gegenstand sein. Echkardt Tolle meint zwar, Descartes oder seine Zeit wären zu dumm gewesen, wirklich zu begreifen, dass das Ich, welches das Denken „beobachtet“, etwas anderes ist als das Denken, also etwas anderes als das Ego – das halte ich jedoch für überheblich. Man könnte nämlich auch einfach (mit Descartes) sagen, das Ich denkt eben reflexiv und erkennt sich reflexiv, warum nicht?!

Tatsächlich lässt sich auch das Selbst der Psychotherapie als Teil einer modernen Version von Aufklärung verstehen. War es nicht Sigmund Freuds Absicht, der Aufklärung eine neue Grundlage zu verschaffen, nämlich die fundamentale Irritation des aufgeklärten Menschen durch die Entdeckung des Unterbewussten und der Triebe aufzuheben, und zwar dadurch, dass in der Therapie, also Analyse alles mental verarbeitet wird? Mir scheint, dass das Selbst im Kontext der Arbeit mit inneren Anteilen noch von diesem aufklärerischen Erbe lebt, nur optimistischer als bei Freud: Selbsterkenntnis, Selbstwert und Selbstbestimmung als vielschichtiges Erlebnis (oder Ergebnis) einer erfolgreichen Therapie.

Allerdings hat die Idee eines Selbst, wenn solches Sprechen Sinn machen soll, zwingend damit zu tun, dass man wirklich „man selbst“ ist. Und wann ist man das schon? Im Alltagsleben sind (post)moderne Menschen in vielen Rollen und Identitäten unterwegs – und wenn diese entzogen werden, tritt nicht selten eine Existenzkrise auf, die die Betreffenden eventuell in eine Psychosomatische Klinik bringt. Patienten im Anfangsstadium der Therapie wollen zum Teil nichts von Depressionen oder Ängsten hören. Wenn sie nicht ganz das „Burnout“ zu Anlass oder gar Ursache der Krise erklären, sagen sie tatsächlich häufig Dinge wie: „Ich muss mich selbst wieder finden.“

Ja, Therapie ist eine Suche nach dem Selbst, vor allem wenn man in Rollen gelebt hat, die jetzt nicht mehr zur Verfügung stehen. Und die Verwirrung, die mit dieser Suche, die manchmal spirituell gedeutet wird (was sie vielleicht im tiefsten Kern sowieso ist), lässt sich leichter ertragen, wie mit einem Kopfschütteln, als es der angemessen große Schmerz darüber wäre, dass der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, dass da gefühlt keine Bühne des Lebens mehr existiert. Hier heißt es oft, zunächst einmal Halt (vor dem freien Fall) im andern und in andern zu finden bzw. zu geben, bevor ein Selbst (wieder) zu entdecken ist, das nach und nach sogar in die Lage versetzt werden muss, Regie zu führen. Insofern funktioniert auch die anfangs erwähnte konfrontative Strategie nur, wenn für den Patienten genug Empathie erfahrbar ist.

Literaturtipp: Tom Holmes, Reisen in die Innenwelt. Systemische Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen (2007), Kösel, München 2021

PS. Noch ominöser als der Begriff des Selbst ist jener des höheren Selbst (bei Eckardt Tolle auch „tieferen Selbst“), das je nach Autor unterschiedliche Bedeutungen haben kann: Man kann es als Instanz verstehen, die von einer höheren Ebene, also Metaebene auf das alltägliche Leben blickt. Diese Instanz ist, weil sie „da oben“ wohnt, mit allen möglichen Idealen oder auch mit spirituellen Vorstellungen verbunden oder aufgeladen. Und dann, spätestens, stellt sich die Frage der Fragen in der neueren Spiritualität: Wie verhält sich dieses Selbst zum „Ego“? Für viele populäre spirituelle Lehrer oder wahrscheinlich eher für ihre Schüler scheint die Antwort klar: Das Ego muss überwunden werden. Bei Tom Holmes (siehe Literaturtipp) fand ich eine schöne alternative Antwort: Das Selbst, vielleicht sollte man hier sagen: das gesunde Selbst (oder hat nur ein gesundes überhaupt Anspruch auf den Titel Selbst?) verhält sich zum Ego ganz entspannt, also gelassen, es ächtet das Ego nicht, es verfängt oder identifiziert sich aber auch nicht darin.