Sch wie Schwedenbitter

Wer mich ein bisschen kennt weiß, dass mir Schweden im vergangenen Jahr besonders ans Herz gewachsen ist. Dies wird jedoch kein Beitrag über den Corona-Sonderweg, der ohnehin peu á peu an Besonderheit verliert – bittere Medizin für liberale Schweden und ihre deutschen Fans (wie mich)? Nein, hier soll es um ein traditionelles Naturheilmittel gehen, was aufgrund seiner quasi universellen Effekte sogar stimmungsaufhellend wirken soll. Umso besser.

Mein Vater hat immer wieder Kräuterauszüge hergestellt, regelmäßig aus Arnika und Johanniskraut, einige Zeit jedoch, unter dem Einfluss der berühmten Kräuterfrau Maria Treben (bzw. der Lektüre ihres Buches über die Apotheke Gottes), auch einen „Schwedenbitter“. Als ich später im Rahmen der Heilpraktikerausbildung Phytotherapie lernte, erinnerte ich mich an die braune Brühe, die sowohl innerlich als auch äußerlich wahre Wunder vollbringen soll, und fragte nach dem Rezept – um festzustellen: „Das“ eine Rezept gibt es nicht.

Verständlicherweise schwören alle Anbieter auf der Verpackung, die „echte“, das „Original“ oder zumindest „nach altem Rezept hergestellt“ zu sein. Nur halt nach ziemlich verschiedenen Originalrezepten, die waren nämlich früher oft geheim, und daher lässt sich heute allerlei hineingeheimnissen. Im Übrigen bedeutet „Original“ noch lange nicht, dass es sich dabei um das beste Rezept handelt. Möglicherweise helfen zwar alle Rezepturen – mehr oder weniger – bei Verdauungsbeschwerden, es könnte mal einen Versuch wert sein, man sollte dies aber nicht für den Rest des Lebens versuchen, u.a. wegen der meist enthaltenen Abführmittel. Wer es genauer wissen möchte, muss die Inhaltsstoffe und ihre Wirkungen studieren. Das Wirkspektrum kann je nach Zutaten breit gefächert sein: galleanregend (z.B. durch Enzian, Aloe, Zittwerwurzel, Löwenzahn), entzündungswidrig (Myrrhe), abführend (Sennesblätter, Rhabarberwurzel, Manna), desinfizierend (Kampfer), appetit- und verdauungsfördernd (Angelika, Löwenzahn und je nach Dosis auch Enzian) und ausleitend (Löwenzahn für Leber und Niere sowie die erwähnten Abführdrogen) – und das sind sozusagen nur die primären Wirkungen. Bedenken wir bloß, dass die Gesundheit ja insgesamt irgendwie im im Darm liegt.

In früheren Zeiten waren Gemische aus vielen Zutaten sehr beliebt, bis hin zu der mir kurios erscheinenden Idee einer Universalarznei. Naja, nicht allen erscheint solch eine Vorstellung kurios, es werden immer noch Universalarzneien verkauft, aber während es sich dabei heute meist um einzelne Wunderstoffe handelt, die angeblich von der Pharmaindustrie unterdrückt werden oder die von weit hinterm Ural herkommen, ging es früher darum, dass gewissermaßen alles Wichtige an Heilpflanzen drin ist und die Arznei daher auch gegen alles hilft. Mich erinnert das an lustige bis tragikomische Passagen im Roman „Der Medicus“, in denen das „Universalspezifikum“ an den Mann und die Frau gebracht wird. Ich verrate nicht, aus was es bestand.

Ein bisschen zehrt der Schwedenbitter-Ruhm noch von solchem Mythos. Allerdings ist für eine derart „bunte“ Mischung wie in den meisten Schwedenbittern heutzutage kaum eine Arzneimittelzulassung zu erhalten.  Daraus haben Hersteller verschiedene Schlüsse gezogen: Eine Opti­on besteht darin, eine Mischung anzu­bieten, die nur vier bis fünf Kräuter um­fasst, die wissenschaftlich anerkannt sind als Verdauungshilfen – mit der Beschränkung auf diesen einen Aspekt wird die Zulassung als Medikament möglich. Allerdings wird dieser wettbewerbsrechtliche Vorteil („zugelassen“) im Internet und in der Mundpropaganda schnell zunichte gemacht, wenn dort gezielt die Meinung gestreut wird, solche halben Sachen könnten mit dem Original nie und nimmer mithalten. Also kreiert ein anderer Hersteller eine Mischung, die aus ein bis drei Hauptzutaten („arzneilich wirksame Bestand­teile“) besteht, die für die Heilanzeige Verdauungshilfe zugelassen sind, daneben werden dann unter „sonstige Bestandteile“ allerlei Kräuter, z. B. aus dem Originalrezept beigefügt, allerdings in niedriger Dosierung, etwa so, als handele es sich um farbliche oder geschmackliche Zutaten. Der Kunde kann das ja nicht durchblicken.

Was lernen wir daraus? Genauer hinschauen. Wem das eine Rezept half, hilft das andere noch lange nicht. Das gilt auch umgekehrt: Wenn ein Rezept nicht half oder gar nicht einmal vertragen wurde – „ach, das habe ich auch schon probiert, war schrecklich“ –, könnte ein anderes doch sehr nützlich sein. Die Hauptwirkung beruht meist auf den Bitterstoffen, insofern hat der Name Schwedenbitter eine gewisse Berechtigung.

Die Liste an Beschwerden, die sich durch Bitterstoffe bessern lassen, ist lang: Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Darmträgheit bzw. Verstopfung, Blähungen.  Sie bringen nicht nur die Verdauung in Schwung, sie sorgen außerdem für eine erhöhte Spannung in der glatten Muskulatur und stimulieren Teile des Immunsystems. Sie haben sogar eine stimmungsaufhellende Wirkung. Ohne Übertreibung könnte man also sagen, Bitterstoffe fördern die Lebenskräfte. Daher stellt sich die Frage, ob wir außer den Bitterstoffen im Schwedenbitter die anderen Zutaten überhaupt bräuchten. Das hängt eben vom individuellen Patienten und seinen Beschwerden ab.*

Wie bei allen Bittermitteln müssen wir mit der Dosis oft zurückhaltend sein. Hier gilt keinesfalls „viel hilft viel“, sondern oft „weniger ist mehr“. Vielfach ist die individuell falsche Dosis ein Grund, warum Patienten dann doch nicht so gute Erfahrungen gemacht haben: Übelkeit, Magen-Darm- und Kopfschmerzen sind die Folge, statt Erlösung von den Verdauungsbeschwerden. Und ein Grund, warum manches Bittermittel in die Homöopathie „abgewandert“ ist: Es wirkt auch noch in Verdünnung. Quassia zum Beispiel soll einen Bitterwert von 1:40.000 oder höher haben, d. h. selbst in dieser Verdünnung ist der bittere Geschmack noch feststellbar.  Und der etwas bekanntere Enzian hat einen Bitterwert von immerhin 1:10.000, das entspricht einer homöopathischen Verdünnung von D4, in der er noch geschmeckt wird und zumindest bei sensibleren Naturen auch wirkt, von wegen in der Homöopathie sei generell „nichts mehr drin“.

Ich könnte einige bewährte Bittermittel, pflanzliche und homöopathische, empfehlen, möchte mich hier aber der Werbung enthalten. Am Ende bekenne ich außerdem gerne, dass ich bei aller Differenzierung und Umsichtigkeit es doch einfach schön und für einen Heilpraktiker nahezu romantisch finde, über eine Hausapotheke mit allerlei traditionellen Mitteln zu verfügen – und ein Schwedenbitter passt da verflixt gut rein. Vielleicht setze ich demnächst mal wieder einen an – auf meinen Dad. Und auf die Schweden!

* Beachten Sie bitte, dass es hier nur um allgemeine Informationen geht. Es wird nicht zur Selbstdiagnose und Selbsttherapie aufgefordert. Magen-Darm-Beschwerden können wie viele andere Symptome auch vielfältige, mitunter sehr ernsthafte Ursachen haben. Die Lektüre der Texte dieser Website entbindet nicht vom Besuch bei Arzt/Ärztin oder Heilpraktik/in. Weitere Haftungsausschlüsse im Impressum.