Y wie Yin und Yang

Das Zeichen von Yin und Yang ist ein schönes Symbol für die Harmonie der Gegensätze, andere halten es allerdings für ein Erkennungsmerkmal von Esoterik und Rückständigkeit (siehe dazu PS). In der Komplementärmedizin und der ganzheitlichen Ernährungsberatung sind die Begriffe heute noch relevant, auch wenn sie sich nicht in naturwissenschaftliche Theorien übersetzen lassen.

Für die Menschen in den traditionellen Kulturen, die der Natur zugleich ausgeliefert und damit auch verbunden waren, war das Leben bestimmt durch die Gegensätze von Tag und Nacht, Kälte und Wärme, Trockenheit und Feuchtigkeit. Für sie war es überlebenswichtig, mit diesen Gegensätzen umgehen zu können, sie für ihre Lebensführung zu nutzen. Yin und Yang sind in diesem Sinn Grundbegriffe der fernöstlichen Philosophie, aber eben keine „Deutungen“, sondern erfahrbare Qualitäten der Natur.

Ursprünglich bezeichnete das Schriftzeichen Yin die kältere, schattige Nordseite des Berges, Yang dagegen die sonnige Südseite. Daraus haben sich unzählige Gegensatzpaare zur Beschreibung der Natur abgeleitet (im Folgenden immer zuerst Yin, dann Yang): Dunkelheit-Licht, Mond-Sonne, Nacht-    Tag, Winter-Sommer, Kälte-Wärme, Frau-Mann, Ruhe-Aktivität, Materie-Energie, Körper-Geist, Pflanze-Tier, Erde-Himmel usw. Auch bei der Betrachtung des menschlichen Organismus lassen sich solche Paare bilden: kalt-warm, feucht-trocken, weich-hart …

In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bildet die Einschätzung des Patienten mittels Yin und Yang die Basis von Diagnose und Therapie. Der Mensch kann, vereinfacht gesagt, unter vier Grundstörungen leiden:

  • zu wenig Yang äußert sich z. B. in Müdigkeit, Blässe, Frösteln, Appetitlosigkeit, auch Infektanfälligkeit
  • zu wenig Yin kann Symptome wie trockene Schleimhäute, Nachtschweiß und Hitzewallungen verursachen
  • zu viel Yang zeigt sich u. a. in einem roten Gesicht, in Unruhe, Schlafstörungen, Hyperaktivität und Hitzegefühlen
  • zu viel Yin könnte wiederum Ursache von Müdigkeit, Trägheit, Verschleimung sein.

Die Basistherapie besteht immer in einer individuell angepassten Ernährung und einem angepassten Lebenswandel. Beides steht in der Bedeutung für die Heilung noch vor Heilkräutern und Akupunktur. Wer zu viel Hitze hat, dem tut eine vegetarische Kost gut, eventuell mit Rohkostanteilen, wer dagegen zu Kälte und Frösteln neigt, der sollte seine Verdauung nicht noch durch kühlende Kost schwächen (Südfrüchte, Obstsäfte, Joghurt usw.), sondern mehr gekochte und gewürzte Speisen verzehren. Auch die sinnvolle Anpassung von Ernährung und Freizeitverhalten an die jeweilige Jahreszeit lässt sich mit Yin und Yang gut merken.

Die Natur sorgt eigentlich im Wechselspiel von Yin und Yang „automatisch“ für den notwendigen Ausgleich. Wer viel Yang aufnimmt, wird es durch Yin auszugleichen versuchen. Aber das allein macht noch keine gesunde Lebensführung. Denn wenn etwas extrem yang ist (z. B. Chips oder gebratenes Fleisch), so kann ich es zwar „yinisieren“ (z. B. durch Joghurt-Dip oder Sahnesauce), es wird dadurch ausgewogener und schmackhafter, aber kein gesundes Gericht.

Das Prinzip von Yin und Yang wird also erst dann zu einem sinnvollen Kompass, wenn wir bei den Extremen (z.B. auch Alkohol und Süßigkeiten) zurückhaltend sind. Es geht darum, die großen Extreme zu meiden und die kleinen Schwankungen besser auszugleichen.

Ein PS zum Aspekt „Rückständigkeit“

Die in der Natur erkannten Beziehungen, Gesetze und Regeln wurden traditionellen Kulturen auf die Gesellschaft übertragen – und umgekehrt hat man Phänomene der Natur mit gesellschaftlichen Begrifflichkeiten beschrieben. Das ist auch in der TCM so, da gibt es jede Menge Minister und Herrschaftsverhältnisse. Dies führt mitunter bis heute dazu, dass kulturell überholte Normen (etwa zum Verhältnis der Geschlechter) mit der Philosophie von Yin und Yang für „natürlich“ erklärt wurden. Doch bei aller Liebe zur Naturverbundenheit: Der Mensch ist nicht nur Natur-, sondern auch Kulturwesen, er und sie und es haben sich eigene Werte erarbeitet. Auf der anderen Seite sollte diese berechtigte Vorsicht nicht dazu führen, dass wir das Kind mit dem Bad ausschütten und etwa Yin und Yang und damit verbundene medizinische und diätetische Systeme rundheraus als „rückständig“ ablehnen.