N wie Nähe

Kommen sich zwei Menschen körperlich nah, zufällig oder im Ramen einer Übung, egal ob sie sich zuvor kannten oder nicht kannten, sich mochten oder nicht besonders mochten, dann können sie bereits nach kurzer Zeit relativ nachhaltig innere Nähe empfinden. Welche Voraussetzungen braucht es dafür? Es muss ein Grundvertrauen vorhanden sein – in den äußeren Rahmen oder in die Institution (z.B. im Rahmen einer stationären Therapie also Vertrauen in die Klinik oder im Rahmen von Selbsterfahrung in das Ausbildungszentrum) sowie in den/die Leiter*in der Übung. Außerdem eine Art von Augenhöhe. Und: die freiwillige Selbstbestimmung, wie nah sich die beiden kommen, muss jederzeit gewährleistet und spürbar sein.

Eine Grenze wird dabei mit wechselseitiger Zustimmung überschritten. Beide betreten die Intimsphäre des andern, das muss nicht zwingend mit der ganzen körperlichen Präsenz geschehen, auch Miteinanderreden und vor allem anhaltender Augenkontakt haben, auch bei einer gewissen räumlichen Distanz, diese Effekte. Umarmen dagegen ist nicht automatisch die intensivste Nähe-Erfahrung, da wir im Alltag und auch in der therapeutischen Erfahrung nicht selten (zu) schnell zur Umarmung kommen, durch die gewissermaßen gewohnheitsmäßige Geste kommt es nicht dazu, dass wir die Grenzüberschreitung achtsam als kostbar registrieren, der körperlichen Nähe wird vielmehr keine besondere Bedeutung beimessen. Etwas ganz anderes ist die bewusste langanhaltende Umarmung als Übung oder auch die erste Umarmung, wenn sich beide zwar bereits vertraut sind, nun aber bewusst Zuneigung oder Unterstützung zeigen. Ein Sonderfall, der aber durchaus für das gleiche Phänomen „Nähe entsteht durch Nähe“ steht, ist die oft extreme (weil sonst nur aus intimen Beziehungen vertraute) körperliche Nähe mit möglicherweise bisher unbekannten Menschen in besonderen Therapieformen, etwa beim therapeutischen Bonding.

Nähe-Erfahrungen können im wahrsten Sinne umwerfend sein, als würde sich das Leben mit einem Schlag ändern – oder stillstehen. Wie kommt das? Fangen wir akademisch an: Aus der Psychologie können wir die Theorie der „kognitiven Dissonanz“ zur Erklärung heranziehen. Menschen versuchen nicht nur äußere, sondern auch innere Konflikte zu vermeiden. Wenn mir nun ein Mensch, der mir eben noch fremd oder sogar unsympathisch war, nahekommt, dann versucht unser Denken, den inneren Konflikt zu vermeiden (dass eigentlich nur liebe Menschen mir so nah kommen dürfen), indem es den Grenzüberschreiter für nett, lieb und daher naheberechtigt umdeutet. Naja, solche Mechanismen mag es geben, vielleicht können sie erklären, warum uns manche Menschen, mit denen wir alltäglich nah zu tun haben (bei der Arbeit, im Sportverein oder Chor), sympathischer erscheinen, als wenn wir ihnen „unverbindlich“ begegnen würden. Doch die wirklich wundervolle und schlagartige Verwandlung einer Beziehung durch gemeinsam erlebte Nähe erklären sie m.E. nicht.

Gerade im therapeutischen Kontext halte ich es für wahrscheinlicher, dass wir uns in solchen Erfahrungen für unsere primären psychischen Bedürfnisse nach Bindung und Gesehenwerden öffnen und sie für Momente als erfüllt erleben. Auch das Bedürfnis nach Autonomie wird befriedigt. Man könnte etwas pathetisch sagen, wir lieben und fühlen uns geliebt. Das erklärt vielleicht, warum solche Kontakte manchmal stunden-, tage- oder wochenlang nachwirken können. Dabei spielen möglicherweise Projektionen mit hinein: dass wir jenen, mit denen wir solche intensive Nähe erlebt haben, die Rolle der primären Bezugspersonen unbewusst übertragen und – ähnlich einer Verliebtheit (die auch viel mit Projektion zu tun hat) – wie „gefesselt“ sind.

Man kann das Phänomen schließlich auch spirituell deuten: Wir kommen uns als Menschen nah, begegnen uns in einer Weise, in der die alltäglichen Schwächen und Charaktereigenschaften eine untergeordnete Rolle spielen, sozusagen von Mensch zu Mensch – oder noch deutlicher: mit unserem jeweiligen göttlichen Kern, mit jener „höheren“ Seele, mit der immer alles in Ordnung ist.

Das Prinzip „Nähe entsteht durch Nähe“ lässt sich therapeutisch nutzen, es ist sozusagen ein Kernprinzip der Gruppentherapie: Teilnehmer*innen, die sich (noch) nicht nahestehen, die vielleicht sogar gegeneinander Aversionen hegen, mit spielerischer Achtsamkeit Nähe entdecken zu lassen. Dies stärkt die Gruppenkohäsion erheblich, wirkt der Fraktionsbildung entgegen, und fördert fulminant die Zuversicht der einzelnen in die Arbeit der Gruppe, in ihre eigene Selbstwirksamkeit und in ihre Therapiefortschritte. Meist geht es viel einfacher als vermutet, wenn eine Grundbereitschaft, sich menschlich und ohne moralische Bewertung zu begegnen, kontinuierlich in der Gruppe kultiviert wird. Aber auch dort, wo es ausgesprochen schwierig erscheint, ist meist viel mehr möglich als gedacht und wird dann umso befreiender und beglückender erlebt. Hier bewährt sich die Arbeit mit inneren Anteilen. So kann man Teilnehmer*innen z.B. sagen lassen: „Ein Teil von mir hat es schwer mit Dir und lehnt Dich ab, ein anderer Teil findet Dich genauso okay wie mich …“ Und dann Schritt für  Schritt weiter, falls (schon) möglich: „… und ein Teil von mir heißt Dich hier willkommen.“

Wirklich schwer ist es dort, wo „sowieso“ Nähe besteht oder bestehen sollte, z.B. bei Partnern in der Paartherapie. Da empfiehlt sich Vorsicht mit solchen Übungen, denn wird schnell als manipulativ erlebt werden und aus verschiedenen Gründen eher Widerstand erzeugen: Die „rein menschliche“ Verbindung erleben Intimpartner eventuell als „Abstieg“ in der Beziehung. Außerdem eignet sich eine etablierte Partnerschaft kaum noch als Projektionsfläche für Phantasien (die Desillusionierung der Projektionen ist ja meist Teil der Partnerschaftsproblematik). Das „Gesetz“ gilt allerdings auch hier: Nähe schafft Nähe, Distanz schafft Distanz – je mehr und intensiver gesprochen, sich in die Augen geschaut und umarmt wird, desto wahrscheinlich ist, dass es sich dabei um mehr als Kitt oder Kitsch handelt.