O wie Obst

Zugegeben, ich habe persönlich ein sehr spezielles Verhältnis zum Obst: Viele Früchte rühre ich von klein auf nicht an – weil ich sie nicht mag. Was auf „beere“ endet, das hat sehr gute Chancen, in meinem Einkaufskorb zu landen, Orangen und Ananas liebe ich (obwohl man damit in puncto Unverträglichkeit aufpassen muss), Äpfel nehme ich am liebsten im Form von Saft auf … und am größten Teil der Obstregale gehe ich ignorant vorbei. Banane, Birne, Pfirsich, Pflaume, Mirabelle oder auch Kirschen usw. würden bei mir schlecht werden bzw. baldmöglichst zu Marmelade und Kuchen verarbeitet … Wahrscheinlich hat das meinen professionellen Blick aufs Obst etwas verzerrt, so sehr ich mich um neutrale Kenntnissse bemühe: Immer, wenn ich obstkritische Artikel las, stellte sich das befriedigende „Siehste“-Gefühl ein. Keine Sorge, ich möchte Ihnen Ihre Früchte nicht (ganz) vermiesen, vielleicht lohnt es sich jedoch, einmal über ein paar kritische Fragen nachzudenken.

Obst wird in seinem Wert von vielen gesundheitsbewussten Menschen überschätzt. Manche Verbraucher verzehren geradezu zwanghaft Früchte, da sie meinen, ohne diese würden sie regelrecht in einen Vitaminmangel geraten – selbst wenn ihre Probleme und Symptome, die vom reichlichen Obstkonsum herrühren, unübersehbar bis schmerzhaft sind: z.B. Hautausschlag oder reizdarmähnliche Symptome. Erfahrene Ernährungsberater und Naturheilkundler kennen zahlreiche solche „Fälle“ aus der Praxis.

Sicher ist ein Obst-Snack (Apfel, Banane etc.) gesünder als Speiseeis, Kuchen usw. Doch auch Obst enthält, je nach Sorte, reichlich Zucker und Säure (und, am Rande sei’s angemerkt, Kalorien). Die daraus resultierenden negativen Effekte – Irritation des Verdauungs- und Immunsystems und oft auch eine Verschlechterung des Hautbilds – können im Einzelfall durchaus die positiven Wirkungen von Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen übertreffen. Zumal viele Obstsorten bei diesen Mikronährstoffen lange nicht mit Gemüse mithalten können! Aus sprachlichen Gründen, also wegen des Wohlklangs hört man immer wieder, wir sollten „Obst und Gemüse“ essen, dabei müsste es aus medizinischer Sicht definitiv andersherum lauten: „Gemüse und Obst“. Und letzteres in Maßen!

Die Fruktose-Intoleranz (Fruchtzucker-Unverträglichkeit) als mögliche Ursache von Beschwerden und Krankheiten wird in der Medizin noch nicht so lange ernst genommen wird, vorher galt sie als seltenes Problem. Inzwischen weiß man, dass auch scheinbar entlegene Symptome und Syndrome damit zusammenhängen können: Allergien, Neurodermitis, sogar Reizblase, Inkontinenz und auch Müdigkeit sowie depressive Verstimmung. Schuld an der Unverträglichkeit ist die eingeschränkte Funktion des Transporters „Glut 5“, der Fruchtzucker in die Dünndarmzellen schaffen soll. Eine solche Intoleranz lässt sich durch Atemgastests und Stuhluntersuchungen feststellen.

Sicher, viele Betroffene mit Fruktosintoleranz haben ihre Probleme nicht primär vom Obstverzehr, sondern dadurch, dass immer mehr Fruchtzucker in Fertigprodukten steckt. Wer unter Fruktose-Malabsorption (der leichteren Variante von Intoleranz) leidet, bekommt ab etwa einer Tagesmenge von 25 Gramm Fruchtzucker Beschwerden. Eine Aufnahme von mehr als 35 Gramm pro Mahlzeit gilt aber für uns alle als bedenklich. Schon ein Fruchtjoghurt kann 15 Gramm Fruchtzucker enthalten, wenn dann noch ein Glas Obstsaft und mit Fruktose(sirup) gesüßte Fertiglebensmittel dazukommen, wird die kritische Menge schnell erreicht.

Kurioserweise galt Fruchtzucker lange nicht als „richtiger“ Zucker. Wenn auf der Verpackung eines Produktes stand (oder noch steht) „ohne Kristallzucker“ oder „nur Fruchtsüße“ und ähnliches, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Fruktose zum Süßen verwendet wurde. Lange dachte man, Fruchtzucker sei im Vergleich zu Traubenzucker (Glukose) harmloser. Gerade Diätprodukte, vor allem für Diabetiker, wurden damit angereichert. Mittlerweile gibt es aufgrund von Erkenntnissen unter anderem über Fruchtzucker keine Diabetikerprodukte mehr. Fruktose ist nämlich nicht harmlos, im Gegenteil: ein ausgesprochener Dickmacher! Er erhöht den Fettaufbau und steigert den Appetit – in den USA hat man durch den schon früher betriebenen massiven Einsatz von Glukose-Fruktose-Sirup und ähnlicher Süßmittel in Lebensmitteln reichlich Erfahrung damit sammeln können.

Obst ist selbstverständlich nicht gleich Fruktosesirup! Für eine mangelhafte Bekömmlichkeit von Obst muss andererseits nicht unbedingt eine ausgeprägte Fruktoseintoleranz vorliegen. Jeder sollte sein individuell verträgliches Maß herausfinden, da hilft keine Faustregel. Und wenn dieses Maß gering ist, lässt es sich auch ohne Obst gut und gesund leben – mit Gemüse. Wer viel Grünzeug und Buntes aus der Natur isst, lebt gesünder und länger. Pflanzliche Kost liefert nicht nur Vitamine und Mineralien, sondern auch sekundäre Pflanzenstoffe. Man kennt davon bisher mehr als 10.000: Karotinoide, Flavonoide, Saponine, Phytosterine usw. Einige wirken entzündungshemmend, andere verzögern die Zellalterung, wieder andere wirken leicht antibiotisch oder können Krebszellen neutralisieren.

Viele Ernährungsautoren fokussieren jedoch zu stark auf Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe als Schutzfaktoren in der Ernährung (nicht selten, weil im nächsten Atemzug gar nicht für Ernährung, sondern für Nahrungsergänzungen oder fragwürdiges Superfood geworben wird)! Dagegen bleiben die großen Risikofaktoren der Zivilisationskost weitgehend unterbelichtet: übermäßiges Essen, zu viele und falsche Fette, zu viel Zucker, zu viel Alkohol, zu viel tierisches Eiweiß … Die meisten Menschen erleiden ihre ernährungsbedingten Gesundheitsprobleme im Laufe des Lebens ja nicht in erster Linie, weil es ihnen an Karotinoiden, Flavonoiden und Co. gemangelt hätte, sondern weil sie sich von bestimmten Genüssen zu viel gegönnt haben. Nicht der Mangel, der Überfluss ist das Kardinalproblem (allerdings tritt der Mangel oft im Überfluss auf, z.B. Defizite an Mikronährstoffen bei übergewichtigen Patienten und Diabetes). Vielleicht käme eine gesunde Ernährung durchaus mit nur 300 Gramm Gemüse und Obst pro Tag aus, wenn der „Rest“ der Ernährung und der ganze Lebensstil besser gewählt wären, und nicht die Lebenskraft untergraben würden.

Apropos wählen: Zwingen Sie sich nicht dazu etwas zu essen, was Ihnen erkennbar nicht bekommt, sei es auch (angeblich) noch so gesund. Mein Wahlspruch: Wohl bekomm’s!