Z wie Zuhause

(= Der 200. Beitrag 😊)

Ich hatte immer ein sicheres „Dach überm Kopf …“. Daher bin ich mir bewusst, dass die Frage „… aber war es auch ein Zuhause?“ in gewisser Weise ein Luxusproblem ist. Das gerät manchmal in Vergessenheit. Auf der anderen Seite ist ja alles andere als eine Frage von Luxus, ob wir gern nach Hause kommen oder nicht. Und auch das gerät manchmal in Vergessenheit.

Ab der Pubertät habe ich mein Elternhaus zunehmend als „eng“ empfunden – und es endlich als Befreiung erlebt, es hinter mir zu lassen. Nach meiner „Nestflucht“ im Abiturientenalter bin ich viel umgezogen, ständig auf der Suche nach einem Zuhause. Ich hatte immer wieder Situationen von Zuhause, die sich zwar nicht eng, aber einsam und fremd angefühlt haben. Zum einen hat sich herausgestellt, dass das Zusammenleben mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten auch nicht eben einfach ist. Zum anderen trieb mich die innere Unruhe und „Sehnsucht nach irgendwas“ (Besserem) immer weiter. Ich habe immer mal Kriterien für ein gutes Zuhause aufgestellt: Es müsste eine Badewanne geben, einen Balkon, eine richtige Küche, große Fenster, ein Sofa … Heute sehe ich das eher oder auch als Projektionen tieferliegender Sehnsüchte, obwohl die Kriterien definitiv nicht abwegig sind.

Später war das Zuhausegefühl maßgeblich davon geprägt, dass meine Frau an diesem Ort ebenfalls zu Hause war. Durch diesen Fokus habe ich viele störende Einflüsse drumherum (ob der konkrete Ort, das Haus, die Nachbarn zum „Zuhause“ passten oder nicht) ausblenden können. Außerdem habe ich ihr die Entscheidung überlassen, ob das Zuhause gut genug ist als Zuhause und fürs Zuhausegefühl.

Seit der Trennung habe ich ein neues Bewusstsein für Zuhause entdeckt. Zunächst einmal war da viel Staunen (auch weil meine Frau sich genau da, wo ich war, nicht hätte zuhause fühlen können). Ich habe mich gewundert, dass ich es gar nicht erklären konnte, warum ich mich so stark in meiner Wohnung zuhause fühle. Richtig erklären kann ich es immer noch nicht. Es ist vielleicht ein bisschen wie mit der Liebe: „Es ist wie es ist.“ Wenn ich von der Arbeit oder auch von Ausflügen nach Hause komme und mit dem Auto um die letzten Kurven biege, schlägt man Herz gewissermaßen höher vor Freude. Da ist eigentlich nichts Besonderes, außer: mein Zuhause, zum Teil selbst gestaltet, aber zu großen Teilen auch vorgegeben. Es entspricht dem Gefühl: bei mir selbst zuhause sein. Es gibt nichts zu tun. Alles ist gut.

Man kann sich in einer Partnerschaft zuhause fühlen und dann vieles, was am materiellen Zuhause vielleicht nicht ganz stimmig ist, ausblenden – und genauso kann man sich, prinzipiell zumindest, bei sich selbst zuhause fühlen und das eigene Zuhause als Spiegel und Stütze dieses Zustandes wahrnehmen. Solange uns das bewusst bleibt, glaube ich, ist alles bestens. Allerdings ist „zuhause“ nach meiner Erfahrung eine jener Qualitäten (vielleicht besonders bei mir, weil ich immer den Luxus von Zuhause hatte), die man irgendwie für selbstverständlich hält und zu (wert)schätzen „vergisst“. Bis es nicht mehr da ist. Hier bewegen sich die Überlegungen in jener Schnittmenge von Psychologie und Spiritualität bzw. Achtsamkeit: Leichtfertig oder leichtsinnig hören wir auf, das Wunder des Alltags zu bewundern und zu wertschätzen. Zuhause hat mit dem „Geheimnis der Zufriedenheit“ zu tun (siehe PS). Ich komme darauf zurück.

Meine Hündin Mira lehrt mich manches zu erinnern: Wenn wir nach Hause kommen, ist sie meist ein ganz anderer Hund, entspannter, mit anderen Interessen (z.B. an Kuscheln oder Spielen oder Kunststücke zeigen). Und wenn ich sie für ein paar Stunden alleine lasse und dann nach Hause komme, empfängt sie mich so überschwänglich, dass ich ganz stark das Gefühl habe, nach Hause zu kommen. In dem Moment weiß ich gar nicht, wer sich mehr über den anderen freut! Wir flippen beide aus. Mein Baby!

Zuhause ist dort, wo Deine Liebsten sind. Mich erinnert dieser Satz an die Ursituation von Bindung: Die Mama ist ganz sicher da, sie freut sich, mich wieder hochzuheben, wenn ich einen „Ausflug“ gemacht habe. Zuhause ist dieses Gefühl von: alles stimmt, die wesentlichen Bedürfnisse sind befriedigt – ich bin gebunden und frei, ich werde gesehen und in meiner Besonderheit und auch Nacktheit geliebt.

Unser erstes Zuhause ist diese Symbiose mit der Mama. Und wahrscheinlich suchen wir dieses Gefühl auch in Partnerschaften, was verständlich, legitim und zum Teil auch machbar ist, doch auch den Haken der „Symbiose“ in erwachsenen Beziehungen hat: die Beziehung darf sich nicht darauf beschränken. Denn sonst stecken wir in einer Enge, die uns zurecht Angst macht und die wir immer wieder durch Ausbruch überwinden wollen.  

In einer Partnerschaft können wir uns gegenseitig „bemuttern“. Jaja, das ist nicht alles an Partnerschaft und ist auch heikel, wenn es unausgewogen bleibt. Ich glaube außerdem, dass die sexuelle Verbindung in einer Partnerschaft viel zum Gefühl, zuhause zu sein und zuhause anzukommen, beitragen kann: dieses totale Vertrauen im Moment des totalen Nacktseins – auch das hat viel mit der Ursituation mit der Mama zu tun.

Und ohne Partner*in? Müssen wir uns selbst bemuttern! „Zuhause“ ist eine Praxis (der Achtsamkeit): mich bekochen, bewusst Kaffee oder Tee mit mir selbst trinken, Wohlwollen mit mir selbst praktizieren, ja: auch Ordnung halten, die Wohnung pflegen. Mir hilft seit einiger Zeit u.a. Yoga, mich bei mir selbst zuhause zu fühlen.

Begegnet uns im Traum unser Zuhause – das Elternhaus, aber auch die aktuelle Wohnung – stellt es oft eine symbolische Projektion unseres eigenen Zustandes dar: Fühlt es sich sehr eng in den Fluren an, könnte in unserem Leben Enge und Angst (das Wort leitet sich ja von Enge ab) drohen, die wir tagsüber verdrängen. Verfällt das Haus im Traum, habe ich möglicherweise mit körperlichem Verfall zu tun (und tue mich schwer es anzunehmen). Kommt mir das Haus auf einmal so fremd vor, „fremdele“ ich derzeit vielleicht mit mir selbst (oder derzeit prominenten Anteilen).

Das letzte Beispiel verweist uns nochmals auf einen wichtigen Aspekt von „Zuhause“ als Lebensgefühl: Psychotherapeutische und spirituelle Anstrengungen haben manche Schnittmengen, eine davon ist das Ziel, Zuhause im Hier und Jetzt zu sein, das Leben, wie es ist, anzunehmen. Spirituelle Praxis (Meditation, Achtsamkeit) zielt weitergehend auf die Einheit von Körper, Seele und Geist im Hier und Jetzt. Der Geist treibt sich nicht irgendwo im Da und Dort herum, in Vergangenheit und Zukunft, die Seele hat kein sehnsüchtiges Verlangen, wir sind im Frieden, angekommen bei uns und im Jetzt. Das gelingt bekanntlich nicht immer – und sollte uns auch nicht davon abhalten, das passende äußere Zuhause, das Gebäude, den Ort, die Partnerschaft … zu suchen. Ich wünsche Dir viel Erfolg!

PS.

Das Geheimnis der Zufriedenheit

Es kamen ein paar Suchende zu einem alten Zen-Meister. „Meister“, fragten sie, „was tust Du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie Du.“

Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“

Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: „Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was Du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also Dein Geheimnis?“

Es kam die gleiche Antwort: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“

Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend, fügte der Meister nach einer Weile hinzu: „Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr, wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.“