Autonomie klingt in den meisten Ohren gut: „Mach Dein Ding!“ Da schwingt hinter der Selbstbestimmung das Zauberwort Freiheit mit. Ja, schon. Oder: ja, schön. Als Therapeut stellt man(n) allerdings alles mal in Frage: Wie viel Autonomie wäre gut für uns oder auch speziell für den Klienten, den wir vor uns haben? Wie viel Autonomie ist ihm (oder ihr) möglich?
Autonom leben bedeutet nicht, sich frei zu machen von Bedürfnissen und Bedürftigkeit in Bezug auf Bindungen (Partnerschaft, Freunde, Familie, Kollegen …), auf Gesehenwerden und Anerkennung, auf Zugehörigkeit. Die reine „Freiheit von“ ist entsetzlich leer, kalt und unlebendig. Menschen, die immer alles alleine schaffen wollen und sich zum Lebensmotto gemacht haben „Ich brauche niemanden!“ sind psychisch mehr oder weniger schwer krank.
Übertriebene Autonomie ist daher immer „verdächtig“. Was kann als „übertrieben“ gelten? Solange die Menschen glücklich und zufrieden sind, steht es uns nicht zu, dies zu beurteilen, es soll jede(r) nach seiner Fasson glücklich werden, das ist das Credo des Liberalismus – und der Autonomie. Doch Patient*innen sind in Therapie, weil sie leiden. Und nicht selten ihr Umfeld ebenso. Studieren lässt sich dies etwa bei Zwangs- und Essstörungen: Patienten „müssen“ ihr Ding machen, diese extreme Version von Autonomie hat paradoxerweise eben gar nichts mehr mit echter Autonomie zu tun.
Manchmal steht eine Bindungsstörung dahinter, Angst vor (erwachsener) Bindung und/oder Angst vor (kindlichem) Bindungsverlust, wie etwa bei der anorektischen (magersüchtigen) Patientin, die sich partout nicht in ihr Ess- und Bewegungsverhalten „reinreden“ lässt, aber mit 35 oder 40 Jahren immer noch bei der Mutter oder beim Vater lebt, die sie als beste*n Freund*in bezeichnet. Die Betroffene kann offenbar immer noch nicht die letzte Eigenverantwortung für ihr Leben übernehmen; manche sagen dann: „Ich muss ja erst meine Essstörung loswerden.“ Diesen Glaubenssatz müssen wir auf den Kopf stellen: Sie behalten die Essstörung oft, weil es irgendwie nicht realistisch, machbar oder sogar nicht einmal attraktiv erscheint, wirklich erwachsen und damit autonom zu werden.
In der klinischen Therapie gibt es das verhaltenstherapeutische Tool „Vertrag für Autonomie“, ein tolles Tool, aber viele Patienten wehren sich mit Händen und Füßen dagegen. Abgrenzung lernen, das wollen viele: Nein sagen können. Doch sich selbst abgrenzen, sich nicht von andern abhängig machen und andere nicht unbewusst von sich abhängig zu machen (z.B. durch Hilfeleistungen) – das ist eine andere Hausnummer.
Autonomie heißt, sein Leben zu gestalten, auch seine sozialen Beziehungen (ohne dafür unbewusst die Krankheit zu nutzen): Nein sagen, wenn man Nein sagen will, aber auch mal Ja sagen oder um etwas bitten, sich etwas wünschen, etwas riskieren, nämlich eine Absage, ein Nein von andern – das ist noch schwerer, als nur Nein zu sagen. Etwas riskieren im sozialen Kontakt setzt wahre Selbstliebe voraus und baut sie gleichzeitig auf. Mit jedem Schritt, den wir auf diesem Weg gehen, bauen wir Selbstvertrauen auf, ein Gefühl für Selbstwirksamkeit, für Lebensgestaltung.
Autonomie ist ein seelisches Grundbedürfnis, es kommt gleich oder bald nach dem Bedürfnis nach Bindung: Kein Kind will den Rest seines Lebens an der Mutterbrust verbringen, es will im weitesten Sinne wachsen – sofern es sich sicher sein kann, dass die Bezugsperson „da“ ist. Zunächst einmal braucht es also die Sicherheit in der Bindung, das Wissen um den sicheren Hafen, in den es wieder einlaufen kann oder könnte, wenn es auf Entdeckungs-, Spiel- und Gestaltungstour geht. Und manchmal wird es ganz schnell wieder zurückkehren und schauen, ob noch alles okay ist mit der Bindung, ein andermal dagegen länger wegbleiben oder extra lang. Dies müssen die Bezugspersonen auch ertragen (können oder lernen) – was ein Grund sein kann, warum es nichts wird mit der echten Autonomie.
Autonomie zeigt sich also nicht nur als Grundbedürfnis, sondern auch als erworbene Grundfähigkeit: zu wachsen, letztlich erwachsen zu werden. Insofern steht sie im Zentrum jeder Psychotherapie. Wir lernen, selbst für uns zu sorgen (d.h. nicht alles allein erledigen), mit den Enttäuschungen und Abhängigkeiten umgehen, ohne in die frühkindliche Abhängigkeit, Enttäuschung oder gar Verzweiflung zurückzufallen. Das Kleinkind ist auf seine Bezugsperson angewiesen, als Erwachsene sind wir zwar auch auf diesen oder jenen angewiesen, aber nie so fixiert wie ein Kind.
Das Wechselspiel zwischen Autonomie und Bindung, das in Kindheit und Jugend manchmal sehr dramatisch wirkt (z.B. auch in der Pubertät), zieht sich durchs ganze Leben: mit den Eltern, aber auch mit Partnern. Fühlt sich das Kind sicher gebunden, will es die Welt entdecken und das Leben gestalten (natürlich wird es sich auch bei unsicherer Bindung der Welt zuwenden müssen), dann auf einmal vergewissert es sich wieder der sicheren Bindung; und vielleicht wieder einen Moment oder Tag später sagt es ganz entschieden (oder trotzig): „Ich bin schon groß!“ Oder der Pubertierende schmeißt sich in einem Moment wie ein kleines Kind in die Arme der Mama, und am andern Tag reagiert er abwehrend und aggressiv auf eine Umarmung der Mutter. Für die ganze Kindheit und Jugend ist dieser aufregende Wechsel unvermeidlich und vermutlich entwicklungsfördernd. Man muss es ja herausfinden, wie viel Nähe, wie viel Distanz, wie viel Sicherheit, wie viel Freiheit, wie viel eigenes Risiko usw. möglich und stimmig sind.
Auch im „gesunden“ Erwachsenenleben finden sich immer wieder Anklänge an das Hin und Her zwischen Bindung und Autonomie. Doch was beim Kind zur Entwicklung gehört, kann beim Erwachsenen „pathologisch“ sein (d.h. mit anhaltendem Leiden verbunden), z.B. wenn es in On-Off-Beziehungen „gespielt“ wird. Oder in Eltern-Kind-Beziehungen, obwohl die Kinder längst formell erwachsen sind, aber nie in die Autonomie entlassen wurden, vielleicht unter großen Ängsten leiden, Schritte alleine und eigenverantwortlich zu gehen (und daher manchmal erst die Ablösung von den Eltern schaffen, wenn sie in eine ähnlich abhängige Beziehung mit einem Partner flüchten können), oder aber auch Angst haben, die Eltern „im Stich“ zu lassen, weil diese selbst de facto nicht autonom sind und ihren Lebenswert über die Kinder und die Beziehung zu ihnen definiert haben.
In der Therapie sehen wir gehäuft das zuweilen absurd wirkende Wechselspiel zwischen jetzt ganz abhängig und bald darauf trotzig-eigenständig (pseudoautonom) bei formell erwachsenen Patientinnen. Für mich als Therapeut ist es dann wichtig zu signalisieren: „Ich stehe nicht für die alten Muster, für Projektionen und Übertragungen zur Verfügung.“ D.h. ich muss den Patient*innen bewusst machen, dass sich diese Konflikte in ihnen selbst abspielen, und sie sich entscheiden dürfen, ob der erwachsene Anteil die Führung übernimmt und für die kindlichen Anteile angemessen sorgt. Wenn ich als Therapeut für den erwachsenen Part auftreten würde, wäre nichts naheliegender, als dass der Patient sich weiter als Kind einrichtet und mich gar nicht als Erwachsenen auf Augenhöhe, sondern als Elternstellvertreter wahrnimmt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Manchmal müssen wir als Therapeuten wie Eltern klare Grenzen setzen (z.B. bei Essstörungen), damit sich die Pseudoautonomie der Störung nicht austobt.
„Mach Dein Ding!“ müssen wir in der Therapie aufs wahre Leben beziehen: Wie kommen unsere Patienten dahin, dass sie sich ausreichend von den Eltern abgrenzen, einen Job finden, der ihnen entspricht, eine Partnerschaft begründen, die ihnen Halt gibt, Freundschaften gestalten, die nicht nur Energie abziehen? Zum notwendigen Bezug auf wahre Leben gehört dabei auch der Realitätscheck: Wie kann Autonomie z.B. („trotzdem“) möglich sein, wenn der Betreffende finanziell abhängig ist – von Eltern, Job oder Partner?
So wie Autonomie und Bindung ein lebenslanges Wechselspiel darstellen, könnten wir es etwas allgemeiner oder philosophischer zwischen Freiheit und Sicherheit beschreiben. Bei der Autonomie geht es jedenfalls um große Aufgaben, die mit starken Ängsten verbunden sein können. Die Angst ist oft ein guter Wegweiser, weil sie zeigt, es gibt auch eine Sehnsucht: erwachsen und autonom zu werden, auch wenn sich der Patient es gerade/noch nicht zutraut. Am Zutrauen, an Selbstvertrauen und Zuversicht, arbeiten wir kontinuierlich, etwa mit therapeutischen „Hausaufgaben“: „Mach Dein Ding!“ – erstmal im Kleinen, step by step.
