Phobie ist ein starkes Wort für Angst, vielleicht auch eher für eine starke Angst – denken wir nur an Spinnenphobie! Iiiih. Huch. Vielleicht denken Sie: „Also, Angst vor festen Bindungen ist wirklich nicht mein Thema!“ Das dachte ich auch lange Zeit. Ich war 33 Jahre mit einer Frau zusammen und ebensolang mit ihr verheiratet. Und danach musste ich Schritt für Schritt auf meinem neuen Weg feststellen, dass mein Selbstbild durch diese eine lange Erfahrung verzerrt wurde. Ich erzähle also erst einmal von mir, weil Sie bei sich eventuell noch nichts entdecken können.
Von den ersten beiden Mädchen, die mit mir gingen (mit 16 und 18 Jahren), bin ich davongelaufen, als es enger und verbindlicher wurde, ohne dass ich hätte sagen können, was nicht stimmt. Ich habe Stress empfunden, das erinnere ich noch gut. Davor und danach war ich in einige, eine ganze Riege, Mädchen verliebt, die ich nicht haben konnte. Und dann kam meine erste „große Liebe“, mit der ich wider Erwarten tatsächlich zusammenkam – und mich schon bald krass emotional abhängig fühlte (ohne dass ich damals gewusst hätte, was die diffusen Schmerzen, Ängste und krassen depressiven Verstimmungen bedeuten). Nach der Trennung brauchte ich vier Jahre, mich halbwegs zu erholen. Schade um die schöne Studienzeit? Wer weiß das schon. Für meine Frau habe ich mich dann sehr bewusst entschieden. Ich weiß nicht, ob ich wirklich den Satz im Kopf hatte, aber im Nachhinein klingt er vertraut: „Ich will das alles nicht mehr …“ (was davor war). Es war eine gute Entscheidung! Aber über die Jahre habe ich offenbar vergessen oder besser gesagt verdrängt, dass ich eine Bindungsangst habe, obwohl es immer wieder Anzeichen dafür gab. So war ich z.B. die Hälfte der 33 Jahre als Berufspendler unter der Woche gar nicht zu Hause, sondern hatte mein eigenes Leben. Und jetzt? Verliebe ich mich wiederholt in Frauen, die ich nicht haben kann.
„Naja“, werden Sie denken: „Vielleicht ein bisschen viel Pech zur Zeit. Er hatte ja vorher auch schon ordentlich Glück.“ Bei Liebesdingen denken wir häufiger als in anderen Lebensbereichen in Kategorien von Zufall, Pech oder Glück. Da muss ich jetzt mal ein Mantra meines Vaters raushauen: „Es gibt keine Zufälle!“ Doch gibt es schon. Allerdings, je häufiger sich etwas in unserem Leben wiederholt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass es sich dabei (nur) um Pech und Glück, um Zufall handelt.
In der Psychologie und Psychotherapie geht es nicht um Wahrheiten, sondern um Modelle oder theoretische Konstrukte und Wahrscheinlichkeiten: wo das Problem – wahrscheinlich – herkommt und was – wahrscheinlich – hilft. Daher spielt die Statistik in der Psychologie eine so große Rolle (natürlich auch, weil sich das Fach möglichst wissenschaftlich gebärden muss). Haben Sie schon einmal etwas von Normalverteilung gehört? Es bedeutet vereinfacht gesagt, dass ein Modell oder Konstrukt auf rund 70 % der in Frage kommenden Menschen ziemlich gut zutrifft und auf weitere 20 % immerhin noch einigermaßen oder ein wenig. Wir behandeln alle Patienten mehr oder weniger so, als würde das Konzept für alle angemessen sein, z.B. ein verhaltenstherapeutisches Basisprogramm bei Essstörungen. Nach meiner Erfahrung glauben Patient*innen viel zu oft, dass sie nicht zur Statistik gehören bzw. nicht zu den 70-90 %, sondern zu den Ausnahmen. Bei Essstörungen weiß man: das ist Teil der Wahrnehmungsverzerrung. Ich glaube, bei Liebesdingen ist es ähnlich – wir machen uns lieber vor, wir hätten zum vierten Mal in Serie Pech gehabt, als einzusehen, dass wir dieses Pech wenn schon nicht aktiv anrühren, doch munter hineintreten. Der bewährte Trick unserer Seele funktioniert so, dass es „objektiv“ ganz eindeutig anders ausschaut.
Als Therapeut denke ich sowieso oft: „Vielleicht ist es anders, als es scheint. Vielleicht ganz anders. Vielleicht sogar entgegengesetzt.“ Wir kennen die supermutigen Superhelden, in denen ein Angsthäschen steckt, wenn es ums „Eingemachte“ geht: den Kampfpiloten, der seiner Mama auch mit 52 keinen Wunsch abschlagen kann. Ähnlich gibt es den treuen, zuverlässigen, unerschütterlichen Partner, der Garant einer festen Bindung zu sein scheint, aber im Kern eine Bindungsphobie hat. Okay, wir wollen niemand etwas andichten – und nichts reparieren, was gar nicht kaputt ist.
Wir alle haben eine Sehnsucht nach Bindung in uns, mehr oder weniger ausgeprägt, und wir alle haben vermutlich auch eine Angst davor, ebenfalls mehr oder weniger. Denn wir alle lieben auch unsere Freiheit, sicher nicht alle gleichermaßen, die meisten von uns legen sich nicht supergern für alle Zeiten fest, zumal wenn wir nicht wissen, ob das nun die beste Entscheidung ist.
Unsere Ängste und unsere Sehnsüchte liegen nah beieinander, vielleicht sind es zwei Seiten einer Medaille, manchmal können wir jedenfalls nur die eine Seite spüren. Sicher ist, wenn wir vermeiden, die Ängste zuzulassen, verdrängen und verleugnen wir unsere Sehnsüchte. Auch deshalb liebe ich das Motto „Wo die Angst ist, geht’s lang.“
Bindungsangst kann sich aus verschiedenen Quellen speisen. Bei mir erkenne ich mindestens drei, als Therapeut habe ich noch ein paar andere beobachtet:
- Da ist die Angst vor emotionaler Abhängigkeit, etwas sehr Altes aus frühester Kindheit, in der wir abhängig sind von der Bezugsperson (Mama) – bei mir wurde diese Angst durch die erste große Beziehung reaktiviert. Haben Sie es schon mal erlebt, dass die Partnerin für zwei, drei Tage wegfährt, ohne sich wirklich von Ihnen abzuwenden (z.B. auf eine Dienstreise), und Sie drehen total am Rad oder fallen in ein schwarzes Loch? „Nie wieder!“ Aber was heißt das? Vielleicht in der Therapie lernen, dass wir nie mehr so klein, bedürftig und angewiesen sind (und das uns bzw. unserem inneren Kind klar machen dürfen)!
- Ich kenne auch die starke Angst vor den traditionellen Rollen und Beziehungsmustern, wie sie meine Eltern vorgelebt haben.
- In Verbindung damit die Angst vor Verlust der Autonomie: dass ich nicht mehr „mein Ding“ machen kann, sondern eben in den Rollen Partner und eventuell Vater festhänge. Sicher kann man durch Therapie eine Menge lernen, auch was die persönliche Balance im Privaten angeht, aber passt dann die konkrete Partnerin noch dazu? Therapie ist manchmal der „Love Executioner“ (Irvin Yalom).
- Nicht selten steckt hinter Bindungsphobie ein Widerstand gegen das Erwachsenwerden. Bei Patientinnen mit Essstörungen (aber natürlich nicht nur bei diesen) habe ich das wiederholt gesehen: Mami oder Papi sollen die wichtigste Bezugsperson bleiben. (Es gibt auch die Variante, dass die Betroffenen es Mami nicht glauben antun zu können, die Rolle als wichtigste Bezugsperson zu verlieren.) Manchmal erstreckt sich der Widerwille gegen das Erwachsenwerden dann auch auf andere Lebensbereiche, vor allem das Berufsleben.
Bindungsangst ist keine Besonderheit der heutigen jungen Generation. In dem schon mehr als 30 Jahre alten Buch „Nah und doch so fern“ wird dies an Hunderten von Beispielen gezeigt. Für viele Leser*innen kommt das größte Aha-Erlebnis gleich zu Beginn: Neben den Menschen, die ganz offensichtlich ein Bindungsproblem haben (die „aktiven Vermeider“), gibt es jene, bei denen es ganz anders aussieht, die sich scheinbar nichts sehnlicher wünschen als eine feste Beziehung, aber „irgendwie“ immer wieder Pech haben: die „passiven Vermeider“. Sie verlieben sich z.B. in Phantasiegestalten oder laufen „Partnern“ hinterher, die sie nicht haben können (etwa weil diese verheiratet sind). Wer sich monate- oder jahrelang in einer solchen Beziehung engagiert und ganz viel investiert, damit eine richtige Partnerschaft daraus wird, dem fällt es zunächst sehr schwer zu glauben, dass er oder sie selbst ein Bindungsproblem hat. (Nebenbei bemerkt, die Tiefenpsychologie kennt schon lange „aktive“ und „passive“ Formen von Komplexen und den Strategien der Verarbeitung.)
Vielleicht noch verwirrender: Es kann vorkommen, dass wir in einer Beziehung die Rolle des aktiven Vermeiders spielen, die Beziehung bei zu viel Nähe beenden oder zumindest immer wieder Distanz herstellen, aber dann doch wieder ein bisschen Nähe, und in einer anderen Beziehung in der passiven Rolle wie das totale Opfer unter diesem Spiel leiden, weil z.B. der Partner nach einer wunderbaren gemeinsamen Nacht am nächsten Morgen, sichtlich nervös und panisch (dabei können starke körperliche Reaktionen eine Rolle spielen), unbedingt seinen Freiraum braucht und uns quasi aus der Wohnung rauswirft; aber zwei Stunden später wieder anfragt, ob wir gut zu Hause angekommen sind … Bindungsangst und Bindungssabotage können dabei unterschiedlich starke Ausprägungen annehmen, was ebenso dazu beiträgt, dass wir unsere eigenen Schwierigkeiten nicht erkennen.
Was ist eigentlich eine feste Bindung? Carter/Sokol dazu: „Wir definieren feste Bindung als das Versprechen, mit guten Absichten Partner in einer monogamen, zeitlich unbegrenzten, verantwortungsvollen und realistischen Beziehung zu sein. … Von entscheidender Bedeutung ist schließlich eine realistische Einstellung. Sich fest an einen Menschen zu binden, setzt die Fähigkeit voraus, Phantasievorstellungen über Bord zu werfen und den Partner mit all seinen Fehlern, Schwächen und Marotten zu akzeptieren.“
Ein paar Seiten weiter heißt es: „Wer eine feste Bindung mit einem anderen Menschen eingeht, muss zwangsläufig Kompromisse und eine gewisse Einschränkung seiner Freiheit in Kauf nehmen.“ Und: „Feste, auf tiefer Verbundenheit beruhende Beziehungen fallen niemanden in den Schoß. Man muss zudem viel Arbeit investieren, um sie zu pflegen.“
Viele Betroffene würden spontan vermutlich sagen: „Naja, das sind doch Banalitäten.“ Jüngere Patient*innen wenden möglicherweise ein, dass die Monogamie eine kulturell willkürliche Festlegung ist. Ja, wir wollen nichts krank reden – nur aus einer kulturellen oder moralischen Wertung heraus. Aber den Menschen, die mit Partnerschaftsproblemen zu uns in Therapie kommen, müssen wir manchmal helfen, die Augen zu öffnen, dass sie sich etwas vormachen mit ihrer Philosophie oder Ideologie, und dass ihr Leiden nur dann eine Chance hat gebessert zu werden, wenn sie ihre ureigenen Bindungsängste anschauen. Es liegt nicht immer nur an den anderen, die sich nicht binden können … (Ähnlich ist dies mit jenen freiwilligen Singles, die von sich behaupten, mit dem Alleinsein „fein“ zu sein und den ganzen Stress einer Beziehung nicht „brauchen“. Es gibt echte freiwillige Singles, also Ausnahmen, und m.E. auch viele, auf die die Statistik zutrifft.) Therapeutische „Konfrontation“ bedeutet, mit dem Patienten auf etwas zu schauen, was er alleine nicht sehen kann.
Bindungsprobleme zu haben bedeutet nicht, zur Liebe unfähig zu sein. Auch die aktiven Vermeider, die immer wieder Distanz herstellen oder eine Beziehung platzen lassen, haben oft starke Gefühle für den andern (manchmal noch Jahre nach der Trennung). Das kann Teil des Problems sein: die Angst, von so starken Gefühlen abhängig zu werden. Kaum ist dann die Distanz spürbar, können die Betreffenden aus der Sicherheit heraus auch wieder ihre Liebe wahrnehmen. So lassen sich manche On-Off-Beziehungen besser verstehen. Starke Sehnsucht und Angst wechseln sich ab. Kaum merkt der Mensch mit Bindungsangst dann wieder, dass der Partner zur Bindung bereit ist, stellt er die Beziehung erneut in Frage und kann schon wieder kaum auf seine Liebe zugreifen.
Allerdings ist das Vermeiden von echter Bindung kein Privileg von Menschen mit so auffälligem Beziehungsmustern. Es gibt viele „normale“ Partnerschaften, die auf dem Papier und nach einigen anderen Kriterien (Wohnung, Familie …) als fest gelten dürfen, in denen aber die tiefere Bindung doch immer wieder in Frage gestellt wird, in denen Raum und Zeit für die Beziehung systematisch eingeschränkt werden, wie etwa bei der Fernbeziehung und verwandten Beziehungsmustern: „Manche Menschen schaffen Distanz, indem sie sich im Büro unter Berge von Akten vergraben oder sich Workaholics als Partner suchen. Andere verbringen den größten Teil der Freizeit im Fitness-Studio, auf dem Golfplatz oder über der Briefmarkensammlung.“ Und wieder andere gehen sexuell fremd, um Distanz herzustellen und sich nicht so gebunden zu fühlen. Nochmals, wir wollen nichts und niemand krank reden, es geht nicht um moralische Wertung – wer nicht unter Polygamie leidet, braucht auch unsere Hilfe nicht. Aber viele leiden.
Passive Vermeider*innen ketten sich an Illusionen, häufig an die Illusion, sie könnten den aktiven Vermeider doch noch ändern bzw. bei ihnen würde er sich bestimmt anders entwickeln als in seinen vorhergehenden Beziehungen. Passive Vermeider, so Carter/Sokol, wollen oder können die einzig richtige Antwort auf ihre Frage „Was soll ich denn tun?“ absolut nicht hören: „Machen Sie Schluss!“ Investieren Sie nicht länger in ein erfolgloses und zum Scheitern verurteiltes Projekt, nur weil sie schon so viel investiert haben. Hören Sie einmal auf ihre Freunde, Angehörigen und Therapeuten, die Sie wahrscheinlich längst gefragt haben: „Warum suchst Du Dir niemanden, der sich genauso für Dich interessiert wie Du für ihn?“
Betroffene reagieren auf den Vorschlag, einen Schlusstrich zu ziehen, nicht selten mit dem Wechsel von der Opfer- in die Retter-Rolle: „Ich kann ihn (sie) doch nicht im Stich lassen!“ Der aktive Vermeider wird dann in ihren Augen zum Armen, für den man so viel Verständnis haben muss … (Er hatte eine schwierige Kindheit, seine vorherige Partnerin hat ihn fertig gemacht, er hat einen ganz schlimmen Job, er ist krank und überfordert …) Dafür kann man durchaus Verständnis haben, als Therapeut, auch als Freund, aber nicht als Möchte-Gerne-Partner*in!
Ja, was hilft denn nun? Zunächst einmal müssen sich Betroffene selbst erkennen und ihren Ängsten stellen, eventuell auch professionelle Hilfe annehmen, wenn es darum geht, tiefsitzende kindliche Ängste vor Nähe und Verlassenwerden zu bearbeiten. Und dann geht es darum, als Erwachsener Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. „Mit dem Zuhause fängt es an“, sagen Carter/Sokol – dem stimme ich voll und ganz zu, auch aus eigener Erfahrung: Schaffen Sie sich ein Zuhause, „einen Lebensraum, der die wichtigen Aspekte Ihrer Persönlichkeit widerspiegelt“. Letztlich geht es darum, ein erfülltes Leben zu führen, mit Arbeit, Freunden, Interessen – und in der Bereitschaft, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu treffen, aktiv Menschen kennenzulernen, Beziehungen aufzubauen, die eigenen Beschränkungen und Vergänglichkeit akzeptieren. Nicht träumen, sondern leben.
Es braucht Glück. Ich begegne immer mal wieder (ehemaligen) Patient*innen, die ihre „Hausaufgaben“ wirklich gemacht und ihr Leben geändert haben, zu denen das Glück allerdings noch nicht gefunden hat. Auch ich möchte manchmal dem Schicksal die Verantwortung zuschieben: Gott würfelt in letzter Zeit schlecht, wenn er an mich denkt. Doch Vorsicht: Liebe ist kein Lotteriespiel, auch wenn wir gerne daran glauben bzw. gar nicht glauben können, dass es (wesentlich) an uns selbst liegen soll.
„Bisher hatte ich noch kein Glück …“ Liegt es vielleicht doch daran, dass ich noch an einem (Ex-)(Pseudo-)(Traum-)Partner hänge, viele Gefühle und Gedanken auf die Illusion ver(sch)wende, dass er/sie es sich anders überlegt, und zu mir (zurück)kommt? VER-liebtheit macht uns blind, daher verträgt sie sich so schlecht mit Therapie. Wir können nicht wahrnehmen, was alle um uns herum sehen. Nicht nur der systemische Therapeut fragt dann schonmal: „Was sagt eigentlich ihre Schwester dazu? Was meint ihr bester Freund? Wie beurteilt ihre Tochter das Verhältnis? Was würde Ihr früherer Partner dazu sagen?“ Ja, um Sie herum könnten sich alle irren, und ja, Sie könnten wirklich die große Ausnahme von der Statistik der Liebe sein, aber nein, wahrscheinlich ist dies nicht.
Steven Carter und Julia Sokol: Nah und doch so fern. Beziehungsangst und ihre Folgen, Fischer TB, Frankfurt a. M. 1998
