S wie Sonntagstief

In der äußeren Ruhe macht sich die eigene innere Unruhe stärker bemerkbar bzw. ist generell mehr Raum für die Wahrnehmung von Problemen. Durch die „Entschleunigung“ am Sonntag, die ja eigentlich etwas Schönes sein könnte, geraten viele Menschen in Verstimmungen, da sie mehr grübeln oder jedenfalls die Freizeit nicht einfach genießen können. (Manche machen sich allerdings auch einen krassen Freizeitstress zum „Ausgleich“ der Arbeitswoche, da ist nichts mit Ruhe; vielleicht weil sie so gefürchtet wird.)

Zum Teil mag es mit der Dynamik zwischen Samstag und Sonntag zu tun haben: Wenn ich am Samstag ausgehe und ausgelassen bin, kommt am Sonntag der Hormonabfall oder „Kater“ (ich trinke keinen Alkohol). Das Sonntagstief kann allerdings auch schon am Samstag Nachmittag auftreten, wenn die „to-dos“ erledigt sind und es beklemmend ruhig wird und ich nichts vorhabe. Zu diesen to-dos kommen wir noch …

Während des Studiums habe ich mich sonntags oft einsam gefühlt, interessant daran ist allerdings: Selbst wenn ich mit Freunden verabredet war, empfand ich öfter Bedrückung als an jedem anderen Tag der Woche. Heute denke ich, es war weniger eine konkrete Einsamkeit, sondern eine tiefsitzende Unsicherheit, allein und einsam zu sein oder zu werden, die ich zwar nicht bewusst wahrnehmen oder verstehen konnte, die sich aber in der Ruhe des Sonntags mehr bemerkbar macht.

Später, als ich die Arbeit als sehr stressig erlebte, war ich zwar über den arbeitsfreien Sonntag froh, aber der Samstag war mir dennoch lieber. Und dann begann der Sonntag manchmal schon wieder etwas vom Montag abzubekommen, erst recht als ich unter die Berufspendler geriet und schon am Sonntagabend oder sehr früh am Montag früh in Richtung Dienstort abreiste – und am Sonntagabend packte und dann früh ins Bett musste.

Heute glaube ich, dass diese scheinbar so objektiven Faktoren für schlechte Laune in erster Linie hervorragende Projektionsflächen waren für eine tieferliegende Stimmungen und Muster. „Unsere Seele projiziert ihre Schmerzen und Muster immer dorthin, wo es besonders objektiv wirkt, aber nicht ist.“ (Diese Botschaft habe ich schon länger im Blog nicht hinausposaunt, es musste mal wieder sein!)

Wenn meine Freundin nicht da ist, dann projiziere ich meinen tiefsitzenden Schmerz, meine Muster an Einsamkeit und Angst auf diesen „Fakt“. Und alle würden es verstehen. Doch wenn ich mit der Freundin zusammen bin und es sich doch so nach Sonntagstief anfühlt, projiziere ich die alten Geschichten vielleicht darauf, dass ich im Job nicht glücklich bin – und viele, die mich kennen, würden verständnisvoll nicken. (Anmerkung: Es geht nicht um meine aktuelle berufliche Situation, eher um den Job vor zehn Jahren.)

Aber um was geht’s wirklich? Wenn ich in Zehnjahresschritten zurückgehe, könnte ich sagen: „ich kenne das Gefühl Sonntag, solange ich denken kann …“ Aha, und soll es auch ewig so weitergehen? Was kenne ich eigentlich genau als „etwas ganz Altes und unangenehm Vertrautes“, und worin besteht der Unterschied zu heute?

Sonntags hängt der Haussegen schief. Ja, das kenne ich es aus Kindertagen: Der Kirchgang wurde als etwas sehr Ernstes zelebriert (ganz anders als etwa z.T. bei evangelikalen Christen), vielleicht gab es vorher auch noch Stress und Streit (u.a. über die Kleiderordnung für meine Schwester), jedenfalls trug die Sonntagsmesse nicht gerade zur Leichtigkeit bei. Danach das Feiertagsessen, es zuzubereiten bedeutete für meine Mama extra Stress, jedenfalls habe ich das Mittagessen auch als eher ernste Angelegenheit in Erinnerung. Die verordnete Mittagsruhe danach machte es auch nicht besser: Im Haus musste es still sein für den väterlichen Mittagsschlaf. Als ich älter war bin ich dieser Enge und Stickigkeit z.B. auf den Fußballplatz oder ins Schwimmbad entflohen, habe mich aber dort oft einsam gefühlt. (Zur Ehrenrettung meines Vaters lässt sich sagen: Als wir jünger waren, hat die Familie oft einen Ausflug gemacht.)

Im Nachhinein meine ich zu erkennen, dass mein Vater sich an Werktagen selbst auch wohler gefühlt hat, die Struktur der Arbeit als Lehrer – und dass er diese Arbeit liebte – mögen dazu beigetragen haben. Kenn ich 😊. Für den Sonntag hatte er sich vermutlich meist einiges an Erledigungen vorgenommen (sein Erledigungszettel war beeindruckend), aber er war ein guter Prokrastinierer, d.h. unangenehme Tätigkeiten konnte er immer wieder aufschieben, bis die Fristen abgelaufen waren. Stattdessen engagierte er sich in juristischen und politischen Streitigkeiten mit Eingaben, Leserbriefen etc. Also, Leichtigkeit war da nicht.

Es ist allerdings kein Prokrastinieren, wenn wir sonntags einfach mal die Füße hochlegen, die Zeit im Bett oder in der Therme verstreichen oder still stehen lassen. Wem dies allerdings aufgrund seiner biografischen Prägung als „Faulenzerei“ gilt, der/die wird am Ruhetag der Woche nie so recht Freude empfinden können, denn irgendwas ist immer verkehrt und Anlass für schlechte Stimmung:  Ergebe ich mich dem Nichtstun, meldet sich der innere Kritiker (keine Stimme des eigenen Erwachsenen, sondern der Elternanteile), der mich in die Pfanne haut oder es versucht. „Schaffe“ ich dagegen etwas, setze mich diszipliniert ans Werk und kann am Abend stolz zurückblieben auf die Tagesleistung, habe ich den Ruhetag grandios verpasst und die Unzufriedenheit rührt von einem unerfüllten tiefen Bedürfnis nach „sinnloser“ Pause und nach dem „es ist gut so wie es ist, ich muss nichts leisten, um gut genug zu sein“. Tja, Nichtstun will gelernt und gepflegt sein. Ich würde diese Macke meinem Vater zuschreiben, zumindest habe ich sie selbst (und irgendwoher muss sie doch kommen 😉).

Und meine Mutter? Die war vermutlich enttäuscht, dass selten einfach mal Freizeit war, ihr Mann sie unterstützte oder gar sie als Partnerin wahrnahm. Dazu kamen die Spannungen zwischen ihr und den im Haus lebenden Großeltern. Sie hat sich einsam und verlassen gefühlt. Vielleicht habe ich mich einsam gefühlt, weil sie nicht für mich da war. Das führt noch auf eine andere Spur in die Kindheit: zum Gefühl, alleine und im Stich gelassen, verloren zu sein. Ich kann mich zwar an einige exemplarische Situationen erinnern, aber vermutlich liegt die eigentliche Basis in einer noch früheren Zeit, an die ich mich gar nicht erinnern kann. Meine ganzen herausfordernden Lebensthemen – nicht gut genug sein, Verlust-, Prüfungs- und Erwartungsangst, Depressionen, Sinnsuche … – haben anscheinend eine Chance auf ein Sonntagshoch, was mein Sonntagstief ist.

Was tun? Zum einen sollten Erkenntnisse immer wieder bewusst gemacht werden, nämlich dass aktuelle Herausforderungen wie Einsamkeit, Unsicherheit und konkrete Sorgen nur Ähnlichkeiten mit dem „ganz Alten“ aufweisen, aber sich in wesentlichen Punkten unterscheiden: Ich bin nicht mehr einer Bezugsperson ausgeliefert bzw. auf diese angewiesen, insofern kann ich meine jetzigen Herausforderungen selbst oder mit Hilfe von Mitmenschen regulieren (und auch da muss ich mich nicht auf bestimmte fixieren). Zum andern lohnt es sich immer, so konkret wie möglich auf die aktuelle Situation zu schauen, selbst und gerade wenn meine innere Stimme (mein inneres Kind, meine Opfer-Rolle, mein innerer Patient …) sagt: „das war schon immer so“.

Es kommt nämlich keinesfalls alles aus der Vergangenheit! Wie viele depressive Verstimmungen speist sich der Sonntagsblues bzw. sein Auftakt auch aus verdrängten aktuellen Ängsten, hier naheliegender Weise aus Ängsten vor der Arbeitswoche. Für viele Männer z.B. gehört es zum Selbstbild, dass sie ihre Arbeit lieben (sie erleben es auch so) – und aus Gründen der vermeintlichen Seelenharmonie verleugnen oder verdrängen sie die mit der Arbeit verbundenen Ängste oder banalisieren sie.

Gegen die Angst vor der Arbeitswoche und gegen manche Zukunftsangst helfen klare Arbeitspläne und to-do-Listen. Aber sinnvolle. Der Erledigungszettel meines Vaters umfasste gelegentlich um die 40 Posten, ihn anzuschauen oder nur daran zu denken war eigentlich stets eine Belastung. Und wenn man dann noch unter Woche immer wieder prokrastiniert, darf man sich nicht wundern, dass dieses Zettelchen am „Tag des Heern“ als zentnerschwere Last empfunden wird. Eine to-do-Liste sollte entlasten, also so nach Tag, Monat etc. strukturiert sein, dass sie uns alles als machbar erscheinen lässt und nicht zu viel aufbürdet.

Gegen die Angst vor der Arbeitswoche hat mir in besonders stressigen Zeiten geholfen, am Sonntag vorzuarbeiten. Wie bitte? Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Doch. Wenn ich z.B. in den Verlag gefahren bin oder später am PC etwas vorbereitet habe, da reichten schon zwei, drei Stunden, dann war die „Schwelle“ am Montag deutlich geringer und ich konnte den Sonntagabend mehr genießen. Zugegeben, das scheint eine Notlösung, solange wir die tieferliegenden Prüfungs- und Erwartungsängste noch nicht erfolgreich bearbeiten konnten. Aber ich bin jetzt 62, habe schon vieles versucht zu bearbeiten – und lebe immer noch gut mit dieser Notlösung. Liegt vielleicht auch in meinem Typ: „Arbeiten“ ist generell einer der Punkte auf meinem „Notfallzettel“, der fast immer funktioniert. Wenn es mir richtig mies geht, schreibe ich manchmal einen Blog 😊

Aber gehört das nicht zu der Macke, einfach nicht chillen zu können? Ja, gehört es. Aber auch Macken können Ressourcen sein. Haha. Auf der anderen Seite ist es nicht gerade sehr therapeutisch zu sagen: „Ich bin halt so …“ Willkommen, aber nochmal, soll das nun so bleiben? Wie gesagt, das Nichtstun will gelernt und gepflegt sein. Ich lerne! Eine gute Freundin hat mir gezeigt, dass man die Therme nicht nach zwei Stunden verlassen muss, sondern den ganzen Tag Spaß haben kann. Oder sich ein Wochenende lang in nahezu reiner Planlosigkeit treiben lässt.

Es gibt noch umfassendere Ängste, die mit dem Wechsel zur Arbeitswoche verbunden sind: die Sorge, dass es nie besser wird (immer Stress), dass das Geld nicht für die Rente reicht, dass „bis zur Rente“ auch keine erfüllende Partnerschaft mehr zu erwarten, sondern nur ein Verschnaufen am Wochenende und ansonsten Pflichterfüllung und „alles Mögliche andere wichtiger“ ist (siehe meine Oldies).

Dass es nie besser wird … Am Sonntag (und für manche im Urlaub!) scheint sich die existenzielle Frage nach Sinn und Glück im Leben besonders aufzudrängen, das scheint nicht nur biografische, sondern auch kulturelle Prägung zu sein. Alles wird in Frage gestellt – und wenn nicht bewusst, so geistern die verdrängten Fragen, die Ängste vor der Zukunft und dem Leben in uns herum. Lebe ich mein Leben? Folge ich meinen Bedürfnissen?

Durch Unternehmungen (im Winter z.B. Ausflug in die Therme) oder Verabredungen lässt sich die Brisanz etwas dämpfen, auch ins Café gehen kann mildernd wirken. Gegen miese Laune helfen Aktivitäten, besonders körperbezogene (Sport, Therme, Kuscheln) und soziale Unternehmungen. Vereinfacht gesagt: Man „zwingt“ die Neuronen einfach, Botenstoffe des Frohsinns zu produzieren.

Last not least, auch wenn wir uns entscheiden, die Muster der Vergangenheit nicht endlos zu reaktivieren und in die Gegenwart zu projizieren, sondern uns weiterzuentwickeln: Ein bisschen Akzeptanz und Selbstakzeptanz mit dem Ist-Zustand oder Ist-Ich kann auch nicht schaden, wenn der Sonntagsblues groovt. Es ist wie es ist und es darf sich auch mal so verstimmt anfühlen. 

Das bedeutet nicht, dass wir uns den ganzen Tag der miesen Laune ergeben. Mir hilft, dass ich mir denke, das kann ich meinem Hund nicht zumuten: Mira macht sich am Ende Sorgen um mich oder fragt sich am Ende, was mit ihr nicht stimmt. Nein! Ich nehme mir also fest vor, wir machen uns einen schönen Sonntag, basta. Spielen, Rennen, Kuscheln, Leckerli (ich nehme andere als sie, logisch) … Aber erstmal will ich noch ein bisschen „bluesen“. Klappt.