V wie Verlustangst

Wir können oder müssen vieles verlieren, an dem wir hängen: Freunde, Jobs, die Heimat, den Glauben, die Wohnung, Geld. Und, wenn wir mal nur an uns selbst und das Älterwerden denken: Gesundheit, Fitness, Schönheit, Intelligenz, Leichtigkeit, Lebendigkeit … Schließlich das Leben. Und doch schwingt vermutlich bei den meisten Menschen, die „Verlustangst“ hören (oder lesen), sofort ein Beziehungsthema mit.

Meine erste bewusste Verlustangst bezog sich auf meine Oma. Ich hatte das Glück, dass sie erst starb, als ich 16 war und bis dahin schon ansatzweise gelernt hatte, mir etwas von dem zu geben, was sie mir gegeben hatte. Eine Form von Selbstliebe, die viel mit dem Glauben an einen lieben Gott zu tun hatte: dass ich geliebt bin, ein Geschenk Gottes. (Eine meiner therapeutischen Lieblingsgeschichten ist „Der Segen meines Großvaters“ von Rachel Naomi Remen, siehe PS.)

Heute denke ich allerdings, der nächste Schritt ist, sich selbst anzunehmen und willkommen zu heißen, ohne dafür Gott zu brauchen – auch wenn dies ein wenig komisch klingen mag. Wenn jemand gläubig ist, könnte er es vielleicht auch so formulieren: Gott hat uns schon angenommen, er will aber auch, dass wir uns selbst annehmen; mit unseren Schwächen und Bedürftigkeiten, mit unserer kindlichen Not und den Möglichkeiten des Erwachsenen, diese Not zu beheben. So verstehe ich die „Welcome Work“ genannte Innere-Kind-Arbeit von John Bradshaw (der sein Glück zunächst als Theologe versucht hatte). 

Manche sagen, Verlustangst besteht in der fälschlichen Annahme, dass man ohne die, die man verliert, nicht leben könnte, oder nur so unvollkommen oder unvollständig, dass es sich nicht wirklich lebenswert oder sinnvoll anfühlt. So habe ich es erlebt, als meine erste richtige Beziehung auseinanderging: Ich habe Jahre gebraucht, um über die Trennung hinwegzukommen. Das war keine Verlustangst, sondern ein Trennungsschmerz, der aber die erwähnte Angst, das Leben könnte nicht mehr gut werden, mit sich zog.

Damals habe ich mir fest vorgenommen, nie mehr solche Schmerzen und Ängste erleben zu wollen. Und es hat viele Jahre funktioniert, vor allem dank der Partnerin, die mich gefunden hat. Das war Glück. Aber nicht „für immer“, vielleicht auch das: glücklicherweise.

Laut einigen Theorien über Verlustängste haben diese mit mangelndem Selbstwert zu tun. Mit der Angst, nicht gut genug zu sein. Ja und nein. Mir ist das irgendwie zu absolut. Ich habe einen ausreichend guten Selbstwert. Und doch kenne ich die Angst, in bestimmten Arbeits- oder Beziehungskonstellationen nicht gut genug zu sein. Prüfungs- und Erwartungsangst. Bewertungs- und Konkurrenzangst. Und ja, je nachdem, wie krass das „innere Kind“ und seine Scham, falsch, verkehrt oder nicht gut genug zu sein, dabei aktiv sind, handelt es sich um tiefsitzenden mangelnden Selbstwert. Ich würde heute sagen (und das ist wirklich nur eine Momentaufnahme), ich habe einen Mutter-Komplex, weil ich mir als ganz kleiner Junge nicht sicher war, was ich meiner Mama bedeute. Mein Vater hat mir immer das Gefühl gegeben, sehr wichtig, einzigartig und auch ein Geschenk Gottes zu sein. Insofern, Selbstwert: ja und weiß nicht. Beziehungsfähig?

Bei Ängsten geht es ja nicht darum, sie loszuwerden, sondern sie besser zu verstehen und damit umzugehen. Eine meiner liebsten Arbeitshypothesen (also nicht Wahrheiten!) lautet: „Es ist genau umgekehrt!“ Der passende psychologische Mechanismus heißt Projektion. Wenn ich etwas sehr heftig erlebe, könnte es sich um Projektion handeln. In Bezug auf die Verlustangst könnte das bedeuten: Wenn ich meiner Partnerin nicht vertrauen kann, vertraue ich mir vielleicht selbst nicht. Wenn ich an ihrer Beziehungsfähigkeit zweifle, zweifelt ein Teil von mir an meiner eigenen Beziehungsfähigkeit. Wenn ich Angst habe, dass sie mich verlässt, will ich sie vielleicht verlassen. Absurd? Naja. Gerade bei emotionaler Abhängigkeit von anderen gibt es auch einen Anteil, der sich nach Freiheit von dieser Abhängigkeit sehnt, der loslassen und verlassen will.

Mir ist erst kürzlich aufgefallen, dass ich einige Beziehungen: Jobs, Freundschaften, auch Partnerschaften (ohne Übertreibung:) abrupt beendet habe. Für mich mochte diese Entscheidung zwar (im Nachhinein) als gereift erscheinen, obwohl ich manchmal am Morgen des betreffenden Tages noch nicht wusste, dass ich am Abend gekündigt haben würde, jedenfalls weiß ich, dass es für die andere Seite sehr überraschend kam. D.h. mein inneres System kennt diese Art von plötzlichem Beziehungsende und fürchtet sie.

Die Angst vor mir selbst spiegelt sich möglicherweise in der Verlustangst in Bezug auf andere. Aber inwiefern hilft mir das, wenn ich konkret darunter leide? Ich kann lernen, mir immer wieder selbst (mehr) zu vertrauen: zum einen mir klar machen, warum ich gut genug bin, zum andern mir bewusster werden, wie viele Beziehungen ich nicht beendet, sondern auch unter Schwierigkeiten gestaltet habe.

Im Übrigen hilft der Realitätscheck im direkten Kontakt mit dem Menschen, dessen Verlust ich befürchte.

Und: Vielleicht ist die Verlustangst real! Ich betone sehr häufig gegenüber Klienten, dass die Angst das „realistischste“ Gefühl wäre, aber weil wir sie „gerne“ vermeiden, nehmen andere Gefühle oder irreale Ängste (vor Spinnen, Krankheiten, …) überhand oder wir werden eben depressiv. Also, vielleicht ist die Verlustangst real und hilft mir oder zwingt mich, mich den Herausforderungen zu stellen: entweder loszulassen oder etwas gegen den Verlust zu tun, sofern das möglich ist.

Ja, nicht zuletzt ist Verlustangst das: ein Weckruf, das zu schätzen, was ist und was wir nicht besitzen, aber haben – das Leben mit dem und denen, die uns wichtig sind. Seit zwei Monaten ist Mira bei mir, die zauberhafte Hündin. Ziemlich genau nach einem Monat war sie in einer Nacht für anderthalb Stunden verschwunden (zur Türe rausgeflitzt und ab in die Dunkelheit). Mit einem Schlag (!) fühlte sich mein ganzes Leben völlig verändert an. Ich war geflutet von Verlustangst, gleichzeitig wütend auf mich und habe mich geschämt, dass ich es für selbstverständlich annahm, dass Mira einfach da ist, geschämt, dass ich ihr allerlei zumute, um noch mehr Spaß zu haben. Es war ein Weckruf zur rechten Zeit. Seither geht es uns beiden noch viel besser!

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PS.

Der Segen meines Großvaters

(von Rachel Naomi Remen)

Wenn ich an den Freitagnachmittagen nach der Schule zu meinem Großvater zu Besuch kam, dann war in der Küche seines Hauses bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. Mein Großvater hatte seine eigene Art, Tee zu servieren. Es gab bei ihm keine Teetassen, Untertassen oder Schalen mit Zuckerstückchen oder Honig. Er füllte Teegläser direkt aus einem silbernen Samowar. Man musste zuerst einen Teelöffel in das Glas stellen, denn sonst hätte das dünne Glas zerspringen können. Mein Großvater trank seinen Tee auch nicht so, wie es die Eltern meiner Freunde taten. Er nahm immer ein Stück Zucker zwischen die Zähne und trank dann den ungesüßten heißen Tee aus dem Glas. Und ich machte es wie er. Diese Art, Tee zu trinken, gefiel mir viel besser als die Art, auf die ich meinen Tee zu Hause trinken musste.

Wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündetet sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen.

Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: “Komm her, Neshumele.“ Ich baute mich dann vor ihm auf, und er legte mit sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich.

Jede Woche wartete ich bereits darauf, zu erfahren, was es diesmal sein würde. Wenn ich während der Woche irgendetwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung dafür zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen. Und dann gab er mir seinen Segen und bat die Frauen aus ferner Vergangenheit, die ich aus seinen Geschichten kannte – Sara, Rahel, Rebekka und Lea -, auf mich aufzupassen.

Diese kurzen Momente waren in meiner ganzen Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. In meiner Familie von Ärzten und Krankenschwestern rang man unablässig darum, noch mehr zu lernen und noch mehr zu sein. Da gab es offenbar immer noch etwas mehr, das man wissen musste. Es war nie genug! Wenn ich nach einer Klassenarbeit mit einem Ergebnis von 98 von 100 Punkten nach Hause kam, dann fragte mein Vater: “Und was ist mit den restlichen zwei Punkten?“ Während meiner gesamten Kindheit rannte ich unablässig diesen zwei Punkten hinterher. Aber mein Großvater scherte sich nicht um solche Dinge. Für ihn war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war, dann wusste ich irgendwie mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte.

Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer Welt gelebt, in der es ihn nicht gab und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Mein Großvater hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat, und er hatte mich bei einem ganz besonderen Namen genannt  –„Neshumele“, was „geliebte kleine Seele“ bedeutet. Jetzt war niemand mehr da, der mich so nannte. Zuerst hatte ich Angst, dass ich, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war, einfach verschwinden würde. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen. Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein.