Z wie Zurückhabenwollen

Heute am Geburtstag meines Vaters, er wäre 96 geworden und ist schon zehn Jahre tot (das war wirklich noch eine andere Welt), möchte ich mich dem Thema Nostalgie und ihren Steigerungsformen zuwenden: Wir verlieren einen Job, eine Angehörige, einen Partner, eine Heimat … Es gibt viele Lebenssituationen, in denen der Wunsch, etwas zurückhaben zu wollen, naheliegend ist und für die erste Zeit „danach“ angemessen erscheint. Aber wann endet diese Zeit und wie ist es, wenn dieser Wunsch auch später immer wieder aufscheint?

Bekanntlich hat der moderne Mensch oder ein Großteil seiner zivilisierten Exemplare das Trauern verlernt und schätzt zum erfolgreichen Verdrängen des Verlustgefühls alle Arten von Tipps, siehe Ratgeberliteratur. Viele Menschen haben gelernt, mit heftigen Verlusten umzugehen, und zu dem Gelernten gehört bei ihnen offenbar, stolz darauf zu sein, nicht zurückzuschauen. Bei mir ist es nicht ganz anders gewesen. Eigentlich bis zur Corona-Zeit: Wehmütige Rückschau oder Nostalgie fand ich abschreckend. (Schön finde ich heute in diesem Zusammenhang, dass Wehmut eine Variante von Mut zu sein scheint oder Mut erfordert.)

Das Wort Nostalgie kann ziemlich pathologisch klingen. Der Teil „algie“ steht im Medizinerlatein für Schmerzen (wobei „algos“ eigentlich Griechisch ist). Tatsächlich fand der Begriff Nostalgie über Jahrhunderte ausschließlich medizinische Verwendung, er bezeichnete echte Heimwehschmerzen, bevor er irgendwann in den Alltagsgebrauch überging. Heute ist er manchmal etwas verniedlichend gemeint (man kann z.B. in Nostalgie schwelgen) oder kritisch: damit wird eine Neigung bewertet, die Vergangenheit übermäßig zu idealisieren. Doch wer weiß schon, was übermäßig ist? Bezweifelt wird von Kritikern implizit, dass Nostalgiker die Vergangenheit wirklich zurückhaben wollten (man unterstellt, sie tun nur so als ob). Von Manfred Rommel stammt der schöne Aphorismus: „Nostalgie ist die Fähigkeit, darüber zu trauern, dass es nicht mehr so ist, wie es früher nicht gewesen ist.“

In der Beratung oder Therapie stellt sich häufig die Frage: „Was wollen Sie erreichen?“ Manche wehmütige Klient*innen reagieren zunächst überrascht, einige bringen es auf die Formel: „Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier.“ Scheint es nicht glasklar, wozu die Therapie da ist? Es soll uns hinterher besser gehen! Und wenn sie ehrlich (zu sich) sind, hätten erstaunlich viele Klient*innen spontan gerne „das alte Leben“ zurück – Partner, Job, Schmerzfreiheit, aber auch allgemeiner Gesundheit oder gar Jugendfrische. Eigentlich kein Drama. Nur ist Zurückhabenwollen kein sinnvolles therapeutisches Ziel. Es gibt Therapeut*innen, die bei entsprechender fixierter Rückwärtsgewandtheit feststellen: „Hier besteht kein Behandlungsauftrag.“ Was so viel heißt wie: „Ich möchte nicht auf Dauer Ihre Klagemauer sein, auch wenn ich daran verdiene.“

Obwohl manche Profis den „eigentlichen“ Therapiebeginn darin sehen, beginnt die Therapie jedoch nicht mit dem Zielesetzen. Zum Anfang, und das Verständnis von „Anfang“ ist hier individuell dehnbar, gehört vielmehr, den Schmerz über den Verlust zuzulassen, über das, was eben nicht zurückkommt oder nie (mehr) eintreten wird. Ohne die Empathie für diesen Verlustschmerz kommen wir später nicht zu sinnvollen Zielen.

Erst wenn sich irgendwann so etwas wie eine Kapitulation einstellt, kann danach der Einsatz für ein neues Leben beginnen. Kapitulation ist etwas anderes als Resignation, diese hält an, während jene ein Kapitel abschließt.  Das mag ein wenig zu absolut klingen, und in der Tat ist Loslassen nicht das Gleiche wie Abschließen im Sinne von, nichts mehr davon wissen wollen. Es hat mit Gelassenheit zu tun …  ein eigenes Thema. Kapitulieren heißt jedenfalls nicht: alles hinnehmen! Sondern für das Bessere unter neuen Rahmenbedingungen kämpfen. Neue Antworten auf die Lebensfragen finden. Vielleicht in dem Bewusstsein, dass keinesfalls die Zukunft eine bessere wird. Für etwas zu kämpfen, was sich lohnt, auch wenn das „Früher“ bei Tageslicht betrachtet attraktiver erscheint.

Mit der Kapitulation entscheidet sich, ob wir in der Lage sind, Verantwortung für unsere Gegenwart und Zukunft zu übernehmen. Lebenswille und Lebensziele können im Grunde nur von uns selbst kommen. Sicher tragen Therapeut*innen einiges dazu bei, dass Patient*innen Zuversicht aufbauen: es gibt einen Weg, den Du zu gehen in der Lage bist. Aber niemand ist imstande, uns zu beweisen, dass das Leben auch nach einem akzeptierten großen Verlust lebenswert ist.

Ja, die Vergangenheit wird manchmal ganz schön verklärt. Doch vielleicht ist es auch ein Tabu in unserer naturwissenschaftlich-fortschrittsseligen Zeit, dass früher – in unserem individuellen Leben und in der ganz großen Geschichte – tatsächlich einiges besser gewesen sein könnte. Warum denn nicht? Ich würde gerade heute mit Blick auf die Politik sagen: Manches wurde und wird anscheinend besser und manches wurde und wird schlimmer. Zuversicht wagen heißt unter diesen Umständen: nicht die Zuversicht, dass das Beste – oder die beste aller möglichen Welten – auf uns wartet, sondern dass wir das Beste aus dem machen, was kommt. Und dass sich dies mehr oder weniger „trotz allem“ lohnt. Vielleicht hat das etwas mit Sinn zu tun. Dafür bedarf es jedenfalls keines Nostalgieverbots.

PS. Mein Vater Willfried Wagner war Lehrer und Rektor an der Hugo-Höfler-Realschule in Breisach am Rhein. Wenn man heute, bald zehn Jahre nach seinem Tod, versucht nach ihm im Internet zu suchen, ändert die Suchmaschine eigenmächtig in Winfried Wagner, den dieser Fast-Namensvetter war bis vor einiger Zeit Rektor am Martin-Schongauer-Gymnasium, ebenfalls in Breisach. Daher setze ich meinem Dad hier noch ein kleines Denkmal mit dem Verweis auf seinen vorbildlichen Kampf für das Gedenken an sein großes Vorbild, Pfarrer Hugo Höfler. WW hat trotz vieler Widerstände und zeitweise erdrückender Mehrheitsverhältnisse gegen ihn nicht aufgegeben, bis die Realschule diesen Namen bekam. D.h. auch, Kapitulation ist nicht immer der richtige Schritt.