Den Begriff „Verstrickung“ findet man nicht in tiefenpsychologischen Fachbüchern (obwohl es darin von „Ver…“ wimmelt, etwa Verleugnung, Verdrängung oder Vermeidung). Er ist offenbar vor allem durch die Systemische Therapie geprägt, aber keinesfalls klar definiert. Tatsächlich ist das schwierig, da viel subjektive Bewertung in der Einschätzung mitschwingt, ab wann etwas eine Verstrickung sein könnte.
Eine Verstrickung besteht meiner Meinung nach, wenn zusätzlich zu einer emotionalen Verbindung zwischen zwei Menschen (es können auch mehrere sein) eine andere Verbindung besteht. Diese fällt meist dann ins Auge – oft weniger den Betroffenen als ihrem Umfeld oder dem Therapeuten –, wenn die emotionale Verbindung eigentlich gelöst werden sollte, aber es dann eben die „objektiven“ Hemmnisse gibt: Die Beteiligten können aus angeblich triftigen Gründen nicht voneinander lassen. „Da kann man nichts machen.“ So sehen sie es bevorzugt.
Wir alle sind im Leben immer wieder verstrickt. Das muss nicht immer problematisch sein. Und daher müssen wir (vor allem als Therapeuten oder generell Außenstehende) vorsichtig sein, um nicht zu schnell den Zeigefinger zu heben, wenn eine Verstrickung besteht. Verstrickungen fallen ja, wie gesagt, ins Auge, wenn es Probleme gibt, etwa bei einer Scheidung: Dazu zählen z.B. die Ex-Partner, die sich nie scheiden lassen, obwohl beide wieder neue Beziehungen eingegangen sind; oder sie sind geschieden, leben aber unter einem Dach; oder sie sind über gemeinsame Kinder und Enkel verbunden – daran lässt sich ja nichts ändern. Die Frage ist allerdings, inwiefern diese Verstrickungen die Beziehungen beeinflussen oder sogar zur Beeinflussung – bewusst oder unbewusst – genutzt werden.
Hier besteht jedenfalls die „Verstrickung“ der ehemaligen Partner über die Kinder. Aber auch Kinder können verstrickt sein, etwa Adoptionskinder mit ihren leiblichen Eltern – manches dieser Kinder will „seine Erzeuger“ nie kennenlernen, andere suchen ihr Leben lang verzweifelt nach ihren biologischen Ursprüngen und frühkindlichen Wurzeln – und dazwischen gibt es eine ganze Reihe von ambivalenten und vielschichtigen Motiven. Besonders problematisch aus systemischer Sicht kann sein, wenn die Adoption nie offengelegt wurde; ähnlich verhält es sich bei unehelichen Kindern, also die aus nicht offen gelegten Nebenbeziehungen oder der Ehe unmittelbar vorhergehenden Beziehungen stammen. Dass das verleugnete Kind eines katholischen Priesters möglicherweise mit Problemen zu tun haben könnte, die auf diese Verstrickung zurückzuführen sind (erst recht, wenn z.B. die Mutter auf das regelmäßige Geld aus dunklen Quellen angewiesen ist), leuchtet heute den meisten Menschen ein, die sich ein wenig mit Psychologie befassen.
Geheimnisse können selbst ein mächtiger Faden der Verstrickung sein, etwa wenn jemand zum schweigenden Mitwisser einer Straftat wurde oder eines Vorgangs, der den allgemeinen oder persönlichen Werten zuwiderläuft. Angenommen, die Ehefrau weiß vom Steuerbetrug des Mannes. Dieser hat eine Nebenbeziehung, kann diese aber nicht offenlegen oder zum Thema einer Klärung machen, geschweige denn: sich trennen, da er auf die Verschwiegenheit seiner Frau angewiesen ist. Hier verwickeln oder verstricken sich eben emotionale und andere Bindungen.
Eine Verstrickung besteht häufig auch über eine Erbschaft, sei sie zu erwarten, oder im Vollzug oder sogar längst vollzogen. Die zu erwartende Erbschaft führt manchmal zu Verhalten, das für die Betroffenen beziehungsmäßig und emotional ungesund ist: Der Sohn, der sich auch mit 55 noch unterbuttern oder abkanzeln lässt wie ein kleiner Junge. Die Tochter, die den erlebten Missbrauch nicht konfrontiert. Manchmal taucht dann die Schutzbehauptung auf: „Das kann ich ihm/ihnen nicht antun, das verkraften sie nicht …“
Eine längst vollzogene Erbschaft kann z.B. dadurch als Verstrickung wirken, dass sich einzelne Erben unfair behandelt fühlen und sich an der „offenen Rechnung“ mit den Geschwistern festhalten. Da gilt es sehr genau hinzuschauen, denn manchmal handelt es sich eher um eine Pseudo-Verstrickung: Der Betroffene klammert sich an das erlittene Unrecht, weil er auf dringende aktuelle Lebensthemen nicht schauen kann oder mag.
Helfende Beziehungen mit nahestehenden Menschen sind häufig voller Verstrickung: Die Tochter, die sich schon immer um die früher depressive und jetzt pflegebedürftige Mama kümmert und ihr eigenes Leben vernachlässigt. Oder aber die Mama, die ihre längst erwachsene essgestörte Tochter bemuttert, als wäre sie nicht 40, sondern 4 oder 14 Jahre alt. Auch in Ex-Partnerschaften dient die angebliche notwendige Hilfe für den sonst für lebensuntauglich gehaltenen Ex-Partner als ein Mittel der Verstrickung: „Ich kann ihn (sie) doch nicht im Stich lassen …“ Meist merken es am ehesten die neuen Partner, dass es da um mehr und anderes geht, warum nicht losgelassen wird.
Besonders kurios oder gruselig sind Fälle wie der, wo die einst vom Vater missbrauchte Tochter oder der vom Vater geprügelte Sohn z.B. nach dem Studium oder nach ersten Berufsjahren in der Fremde ihr Haus ausgerechnet auf dem Nachbargrundstück neben den Eltern bauen – und vom Vater finanziell gefördert wird. Wie soll denn da die psychotherapeutisch erwünschte Rückgabe alter psychischer Schulden gelingen, wenn zugleich reale Schulden in die andere Richtung bestehen?
„Verstrickung“ wird, wenn überhaupt gesehen, von den Betroffenen oft als etwas Schicksalhaftes beurteilt. Im eben genannten Fall habe ich als Therapeut schon mehrfach etwas in der Art gehört: „Der Bauplatz war so günstig …“, so als habe es in ganz Deutschland nur einen einzigen günstigen Bauplatz gegeben, nämlich neben dem Elternhaus. Schicksal? Oft stricken (!) die Beteiligten sehr aktiv! Gerade wenn es um Hilfeleistungen geht. Die Tochter, die den Vater um Geld fragt oder Geld annimmt (vielleicht heimlich „hinter dem Rücken“ ihrer Geschwister), obwohl sie weiß, dass es hier um eine seltsame „Bankverbindung“ geht. Der Vater, der der längst erwachsenen Tochter etwas viel bei der Wohnungseinrichtung hilft, als wäre diese dazu nicht in der Lage. (Besonders interessant, wenn die Tochter auch einen Mann hat.) Oder die Mutter, die zum Kummerkasten der Tochter wird, so wie es umgekehrt früher die Tochter für sie war und völlig verfehlt in partnerschaftliche Geheimnisse eingeweiht wurde. „Beste Freundschaften“ zwischen Eltern und Kindern haben nicht selten etwas fatal Verstricktes.
Die Vermischung von Beruf und Privatsphäre ist immer eine Verstrickung, auch wenn sie sich nicht negativ auswirken muss und manchmal nicht zu vermeiden ist, z.B. in echten Familienbetrieben. Allerdings, bei jenen Klienten, mit denen wir es in der Psychotherapie zu tun haben, ist der Anteil derer hoch, wo diese Kombination aus emotionalen und faktisch „harten“ Abhängigkeiten zur Erkrankung beigetragen haben. Noch ein Beispiel: Die Ex-Frau arbeitet im Betrieb des Ex-Mannes, vielleicht sogar als Geschäftsführerin; oder der Betrieb ist aus steuerlichen Gründen auf sie angemeldet. Was glauben Sie, wie sich die neue Partnerin des Mannes fühlt? Eine brisante Verstrickung besteht auch dann, wenn die Ex-Frau Einblicke in die „kreative Buchführung“ (zwecks Steuersparen) des Mannes hatte, nun ist sie noch auf Geld von ihm angewiesen – und er auf ihre Verschwiegenheit; auch das ist für die eventuellen neuen Partnerschaften nicht gerade hilfreich.
Im Beruflichen lauern viele Verstrickungen, z.B. wenn jemand einen Job hat, der ihm (ihr) definitiv nicht gut tut, er (oder sie) aber verbeamtet ist und auf die großen Vorteile dieses Beamtenverhältnisses nicht verzichten mag oder kann; auch das ist eine Verstrickung. Oder die Geschäftsführung hält einen verdienten Mitarbeiter mit grauen, also letztlich illegalen Vergütungen, bei Laune; da wird dann oft eine „win-win-Situation“ vorgespielt (der Betrieb hat weniger Ausgaben, der Mitarbeiter mehr im Geldbeutel), die sich als fatal entpuppt, wenn der Mitarbeiter irgendwann aussteigen will. Die Auszahlung von Schwarzgeld ebenso wie die Einweihung in heikle Betriebsgeheimnisse sind immer als Verstrickungen zu sehen: Sie sollen dem „empfangenden“ Mitarbeiter das Gefühl geben, besonders wichtig zu sein und in einem besonderen Vertrauensverhältnis verbunden zu sein, welches eben über die professionelle Verbindung hinausgeht.
Ich lasse diese Fälle hier weitgehend außen vor, da ich auf die Besonderheit und den Hintergrund privat-persönlicher Verstrickungen eingehen möchte: Bei privaten Verstrickungen besteht häufig eine emotionale Abhängigkeit (wobei man nicht unterschätzen sollte, dass auch bei scheinbar rein professionellen Beziehungen oft emotionale Anteile unverhältnismäßig am Werk sind, etwa wenn der Firmenpatriach einen Mitarbeiter wie einen Sohn behandelt). Oft handelt es sich dabei um eine kindliche Abhängigkeit (meist auch bei dem, der in der verstrickten Rolle den Elternpart hat), d.h. dass kindliche Anteile die Führung in der Beziehung haben und irgendetwas herbeiführen oder gewährleisten möchten, was erwachsen betrachtet unrealistisch oder ungesund ist – aber die scheinbar „objektiven“ äußeren Gründe für den Fortbestand der Beziehung verschleiern diesen tieferen Zusammenhang. Das ist der Grund, warum die Arbeit mit dem inneren Kind (siehe unten) so bedeutend ist.
Gelegentlich bestehen gar keine objektiven oder faktischen Verstrickungen oder sie bestehen nicht mehr (wie beim längst vollzogenen Erbe), aber sie werden von Betroffenen konstruiert, da wird sozusagen ein fiktiver Faden der Verstrickung gesponnen. Dies trifft etwa zu, wenn Klienten viel von Schuldgefühlen reden, obwohl gar keine Schuld vorliegt. Auch wenn wir als Therapeuten es ihnen hundertmal erklären (würden), sie klammern sich an ihre „Schuldgefühle“. Warum denn das? Solange ich bei jemand Schulden habe, bin ich mit ihm oder ihr verbunden – und das ist bisweilen die Sehnsucht dahinter. Deshalb warten z.B. Ex-Partner gefühlt ewig lange darauf, eine „Entschuldigung“ zu bekommen oder aber selbst zu geben – weil sie immer noch nicht loslassen wollen oder können.
Fiktive Verstrickungen (also unbewusst selbst gesponnene Fäden) können genauso fatal sein wie faktische (also etwa finanzielle Abhängigkeiten). Manchmal führen die Kinder oder Enkel Glaubenssätze oder Dogmen der Eltern fort aus missverstandener Loyalität. Angenommen ein Familienmitglied der Elterngeneration (z.B. Bruder der Mutter) hat sich suizidiert und die Großeltern haben die Marschroute ausgegeben: „Es darf niemand wissen …“ Oder der Vater weiht seine Tochter in eine Nebenbeziehung ein und nimmt ihr das Versprechen der Verschwiegenheit ab. Gemeinsam gehütete Geheimnisse können dazu führen, dass Beziehungen in einer Weise aufrechterhalten werden, die den Betroffenen oder ihren Angehörigen schaden.
Loyalität ist nicht selten das Haupthindernis, wenn die Therapie keine Fortschritte macht – und das Leben ebensowenig. Dazu gehört auch die Verstrickung mit unbewussten oder eingebildeten „Aufträgen“ der Elterngeneration: Dem Vater blieben beruflich Erfolg und Aufstieg versagt, was die Familie sehr belastet hat. Nun macht es der Sohn ihm nach, scheitert trotz Talent im entscheidenden Moment immer wieder, um nicht erfolgreicher zu sein als der Vater. Oder aber im Gegenteil, er eilt von Erfolg zu Erfolg (und vernachlässigt dabei z.B. sein Privatleben), um für den Vater die Lorbeeren zu holen. In beiden Fällen lebt er nicht sein eigenes Leben! Erwachsen werden heißt aber das eigene Leben zu leben und den Eltern ihr Schicksal zu lassen.
Ob man das alles immer als Verstrickung bezeichnen muss? Nein. Interessanter ist ohnehin die Frage: Wie können wir Verstrickungen auflösen? Im Rahmen von sogenannten Familienaufstellungen oder generell systemischen Aufstellungen existieren zahlreiche Interventionen oder Rituale, die dem dienen. So lassen wir etwa den Protagonisten bzw. seinen Stellvertreter bewusst den Blick nach vorne richten oder Schritte nach vorne gehen, raus aus den alten Beziehungen. Manchmal zeigt sich an dieser Stelle, gerade wenn die Intervention nur mühsam funktioniert, dass der Protagonist an der Verstrickung festhält, in der Regel um sich nicht den aktuellen Lebensaufgaben bzw. der Lebenskrise zu widmen. Lieber immer wieder in Trauer und Schrecken zurückschauen als in Angst nach vorne zu blicken.
Ein Klassiker unter den systemischen Interventionen sieht so aus, dass der Protagonist bzw. Stellvertreter einen Schal oder ein Seil hält, mit dem er noch verbunden ist mit Eltern oder Ex-Partner. Nun lässt er den Schal fallen oder schneidet mit einer Schere das Seil entzwei und sagt dazu einen typischen Lösungssatz wie „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung …“, „Ich gebe Euch die Verantwortung für Euer eigenes Leben zurück …“ usw.
Doch eine noch so beeindruckende Aufstellung löst keine Verstrickung, wenn anschließend keine aktive Änderung im Leben des Klienten erfolgt. Dazu gehört zunächst die Bereitschaft anzuerkennen, dass eine bestimmte verstrickte Beziehung ungut ist und gelöst werden muss – und dann heißt es, daran arbeiten und üben. Dabei geht es meist sehr viel um das „innere Kind“ (übrigens nicht nur dann, wenn es sich um Verstrickungen mit Eltern handelt): Den bedürftigen jüngeren Anteilen klar machen, dass dieser Kontakt nie (mehr) das leisten oder bringen wird, was das innere Kind erhofft. „Mami und Papi kommen nicht mehr …“ „Sie konnten früher nicht liefern, sie werden heute erst recht nicht mehr liefern …“ Und: dass es diesen Kontakt, diese Verbindung nicht mehr braucht für ein erfülltes Leben, weil wir mittlerweile erwachsen und nicht mehr angewiesen auf eine Bezugsperson sind.
Hier geht es wesentlich auch darum, Trennungsschmerzen und Lebensängste zuzulassen, weil auch der größte Schmerz und die größte Angst des Erwachsenen sich existenziell nicht so vernichtend anfühlen wie Schmerzen und Ängste des Kindes – und das müssen wir durchleben, um uns von den kindlichen Alpträumen zu befreien.
Das klingt alles einleuchtend, zumindest solange wir nicht selbst betroffen sind 😊. Dann aber wehren wir uns möglicherweise mit Händen und Füßen und guten „objektiven“ Gründen, also letztlich Scheinargumenten dagegen, dass es unsere Bereitschaft zur Lösung, zum Loslassen braucht: „Aber ich muss doch …“ „Ich kann doch nicht …“ Von wegen „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ – solange Patienten wirklich Patienten sind (also aus der Sicht der systemischen Therapie im „ja.aber-Stadium“), wählen sie oft doch das Letztere: Schrecken ohne Ende. Und der Therapeut meint die Botschaft zu vernehmen: „Wasch mich, aber mach‘ mich nicht nass!“ Aber es gibt keine guten oder schlechten Klienten. Schauen wir, was der nächste kleine Schritt oder Schnitt (in die Verstrickung) sein könnte …
