S wie Sehnsucht

Wir sind wie Zugvögel,
die, an einem fremden Ort geboren,
doch eine geheimnisvolle Unruhe empfinden,
eine Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat,
die sie nie gesehen haben.

(Ernesto Cardenal)

Diesen Text habe ich schon einmal zum Einstieg in einen Blog verwendet. Es war vor zwei Jahren, unmittelbar nach dem Tod meiner Mutter.

Ängste und Sehnsüchte verhalten sich oft wie zwei Seiten einer Medaille: Wenn wir die Ängste nicht wahrnehmen wollen, verleugnen wir die Sehnsüchte. Das kann uns in die Depression führen, die sich „passt scho“ anfühlt (ich mag und kann nicht sagen, warum ich so verstimmt bin, denn ich habe doch „im Prinzip“ ein gutes Leben). Wo die Angst ist, da geht’s lang. Denn da ist auch die Sehnsucht – nach dem besseren Leben.

Hier soll es um eine besondere Sehnsucht gehen oder um „die“ Sehnsucht schlechthin. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach dem Paradies – auf Erden oder im Himmel, das ist nicht einerlei, und insofern geht es genaugenommen um zwei Qualitäten oder Arten von Sehnsucht. Die Sehnsucht bei Ernesto Cardenal bezieht sich aufs Jenseits, auf das Paradies, also letztlich auf die große religiöse Verheißung, dass der Tod uns dorthin führt, wo die Sehnsucht gestillt wird, in der Vereinigung mit Gott. Aber ist das nicht ein Trostpflaster? Nicht von ungefähr steht das Gedicht vor allem auf Beileidskarten.

Sehnsucht kann als eine lebensbejahende, vorwärtstreibende Kraft wirken oder aber resignativ und rückwärtsgewandt sein. Wenn man es ein wenig philosophischer oder mythologischer ausdrückt, geht es um Eros (Gott der Liebe) und Thanatos (Gott des Todes). So oder so, Sehnsucht selbst bezieht sich auf etwas Unerreichbares, auf eine Utopie. Wie man beim Philosophen Ernst Bloch („Das Prinzip Hoffnung“) sehen konnte, speisen sich aus ihr konkrete Ziele und Wünsche und beziehen von da ihre Kraft, bis hin in die politische Revolution. Aus psychologischer Sicht und nach eigener Erfahrung von Jahrzehnten als „Linker“ würde ich diese Verwandlung der Sehnsucht heute allerdings selbst für bedenklich-riskant und als mögliche Flucht vor der konkret gelebten eigenen Sehnsucht deuten. Nennen wir es philosophisch-politisches Bypassing: Umgehen echter Selbstfürsorge.

Doch das Leben kann man noch auf andere Weise verpassen. Sehnsucht, die sich auf die Defizite der eigenen Vergangenheit und Biografie bezieht, auf das, was Mama und Papa nicht liefern konnten, und die nur unrealistische Wünsche generiert, z.B. dass Mama und Papa uns doch noch anerkennen oder bedingungslos lieben, solche Sehnsucht wird zur schlechten Gewohnheit. Sie hat keine verändernde Kraft, sondern sorgt für Stagnation. Es ist die Sehnsucht nach paradiesisch-harmonischen Zuständen, die es im Erwachsenenleben nicht dauerhaft geben kann. Sie kann z.B. auch die Flucht in Drogenkonsum begünstigen und damit die Stagnation oder gar Rückentwicklung (Regression) verstärken.

In jüngster Zeit bin ich immer wieder über das Thema Sehnsucht gestolpert. Zuletzt bei Peter Schellenbaum („Die Wunde der Ungeliebten“). Verkürzt lautet seine Botschaft: Menschen, die als Kinder nicht geliebt wurden, tragen eine Sehnsucht in sich, diese einzigartige Mutterliebe doch noch zu finden – und überfordern bevorzugt ihre Partnerbeziehungen (es können auch andere Beziehungen überfordert werden, etwa im Arbeitskontext durch Überidentifikation). Aber auch Menschen, die die bedingungslose Liebe in der Verschmelzung mit der Mutter erlebt haben, können später vergeblich danach suchen und sich gewissermaßen weigern, erwachsen zu werden. Daher bezeichnet Schellenbaum die Sehnsucht als existenziell, sie gehört in gewisser Weise zum menschlichen Leben, jedoch eben mehr oder weniger, d.h. mehr oder weniger produktiv oder pathologisch wirksam.

Erwachsen werden heißt demnach, akzeptieren, dass unsere tiefe Sehnsucht nach der primären Bezugsperson unerfüllbar bleibt. Umgehen mit der Enttäuschung, dass der Partner diese Sehnsucht nach Verschmelzung und totaler Geborgenheit nicht nachhaltig stillen kann – obwohl es sich manchmal, etwa in der Phase der Verliebtheit oder bei der sexuellen Vereinigung für Momente oder Tage und Wochen so anfühlt „als ob“. Erwachsen werden heißt erkennen, dass das Leben als Erwachsener dennoch attraktiv sein kann, und es gestalten, auch und gerade in engsten Beziehungen – ohne die Sehnsucht zu verleugnen.

Ich habe Sehnsucht lange gar nicht verspürt, höchstens als Weltschmerz (… dass Ernst Bloch sich geirrt hat, seufz!). War da denn einfach alles in Ordnung? Oder habe ich die Sehnsucht nur verdrängt – und war deswegen „grundlos depressiv“? Grundlos …, weil ich doch alles hatte: einen guten Job, eine gute Beziehung, ein gutes Verhältnis zu meiner Herkunftsfamilie, Freunde, ausreichend Geld.

Die Entwicklung der Partnerschaft spielt m.E. eine bedeutende Rolle. Erwachsen werden und eine reife Beziehung führen bedeutet ja auch, nach der Phase der Verliebtheit anzuerkennen, dass es so nicht bleiben konnte. Aber: Die Sehnsucht dann ganz als untauglich über Bord zu werfen, das ist nicht erwachsen, entspricht eher unserem Eltern-Teil (siehe unten Exkurs) und der Botschaft „Sei mal vernünftig“, „Benimmt Dich mal wie ein …“ als unserem Erwachsenen-Anteil, der die eigenen Werte und Bedürfnisse vertritt.

Exkurs 1: Sehnsucht und Sex(sucht)

Dass die Sehnsucht nach einer Verschmelzung wie mit der Mutter in der frühen Symbiose im späteren Leben enttäuscht werden muss, leuchtet den meisten ein. Und dennoch, in der Verliebtheit und speziell in der sexuellen Vereinigung kann es sich so anfühlen, vor allem, wenn es nicht um „eine schnelle Nummer“, sondern eine Hingabe und tiefe Begegnung geht: ganz bei sich und beim andern sein. Es mag sein, dass wir uns als erwachsene Partner verführen, aber in der Vereinigung ändert sich eventuell der Charakter und es kann sich so innig verbunden anfühlen wie die Kind-Mutter-Beziehung; allerdings eventuell mit dem nachfolgenden Schrecken, diese Verbindung nicht festhalten zu können.

Möglicherweise entsteht so aus existenzieller Sehnsucht auch eine Art von Sexsucht (es gibt davon sicher auch anders begründete Arten). Für Männer kann ich mir das gut vorstellen. Anstatt die Sehnsucht und ihren utopischen Charakter zu akzeptieren und das an der Beziehung zu gestalten, was möglich ist, verselbständigt sich die Jagd nach den illusorischen Momenten der Verschmelzung. Der Sex bekommt so eventuell eine Ersatzfunktion für jede Art von enger Bindung.

Und wie ist es für Frauen (in heterosexuellen Verbindungen)? Erleben sie auch solche symbiotischen Momente, obwohl ihr Gegenüber ein Mann ist – und ihre primäre Bezugsperson höchstwahrscheinlich eine Frau war: ihre Mutter. Können sie durch Projektion die Verschmelzung neu erleben, also indem sie sich mit dem inneren Kind des Geschlechtspartners identifizieren? Ich weiß es nicht.  

Einige Patientinnen äußerten ihr Erschrecken darüber, wie ihr Mann sie mit der Mutter oder einer idealen Mutter verwechselt habe. Andere störte es nicht oder sie fanden es sogar schön. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, ob Sex die einzige Art von inniger Verbindung ist, vielleicht auch ob die sexuelle Vereinigung immer gleichförmig ist und wie extrem die männlich-kindliche Sehnsucht nach der „Mutterbrust“ ausgelebt wird. Eine wirkliche Vereinigung kann es ja nur geben, wenn beide Partner ihre Bedürfnisse dabei realisieren. Und dann gibt es noch das Leben und die Partnerschaft jenseits der Sexualität – und die Frage, inwiefern sich hier die Partner als Erwachsene begegnen oder eine(r) immer das Kind spielt und der Gegenüber die Elternrolle hat.  

Im Extremfall spricht man von einer symbiotischen Beziehung, wenn Erwachsene sich so unselbständig verhalten wie das Baby wirklich unselbständig, verschmolzen und angewiesen ist. Ich finde Symbiose eigentlich einen positiven Begriff und kann mir auch Gutes, nämlich gesunde Beziehungen darunter vorstellen. Doch aus der Praxis kennen wir eher die zahlreichen krankhaften Fälle, die den Begriff Symbiose in der Psychologie, anders als in der Biologie, gewissermaßen in Verruf gebracht haben. Ich denke an eine Patientin, die bis sie erwachsen war, im Bett der Mutter geschlafen hat, und nach dem „Wechsel“ in eine Partnerschaft mit einem Mann sich diesem gegenüber als völlig abhängig und unselbständig verhielt; auch mit der ständigen extremen Angst, dass er sie verlässt – was zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann. Für den Partner kann diese Abhängigkeit (ebenfalls durch Projektion bzw. Identifikation mit dem inneren Kind der Frau) für eine unbestimmte Zeit attraktiv sein, selten aber für ein ganzes Leben.

Exkurs 2: Paarbeziehung in Eltern-Kind-Rollen

Das einfache Modell der drei Anteile aus der Transaktionsanalyse ist sehr hilfreich, die Qualität von Beziehungen zu verstehen und einzuschätzen: Wir haben

  • einen Eltern-Anteil (indem die Erwartungen, Rollen, Glaubenssätze, letztlich Introjektionen der Eltern gespeichert sind),
  • einen Erwachsenen-Anteil (mit eigenen Bedürfnissen, Werten und Normen) und
  • einen Kind-Anteil (indem die Erfahrungen und Bedürfnisse unserer jüngeren Schichten gespeichert sind).

Man kann diese drei Anteile noch differenzieren in verschiedene Formen und Varianten (so kann z.B. der Kind-Anteil mal trotzig, mal spielerisch oder in anderen Facetten nach vorne treten). Hier geht es nur um die einfache bildliche Vorstellung: Wenn zwei Menschen sich begegnen, kann bei beiden einer der drei Anteile Eltern-Erwachsen-Kind in Kontakt gehen. Daraus ergeben sich verschiedene Kombinationen.

Typischerweise geht der Kind-Anteil des einen mit dem Eltern-Anteil der anderen in Kontakt, dieser reagiert vielleicht fürsorglich, vielleicht aber auch streng und maßregelnd auf die kindlichen Ambitionen des Gegenübers. Die Rollen bzw. Muster können aber je nach Zeit und Situation auch wechseln: Kommt z.B. der Mann von der Arbeit und ist ganz fertig, fällt ins Kind uns lässt sich von der Partnerin „pampern“ (!). Möglicherweise sagt sie sogar so etwas wie „Ach, komm, mein Kleiner, ich lass Dir mal ein Bad einlaufen“ oder Ähnliches. Aber schon Stunden später, wenn es darum geht, dass sie sich vor einer wichtigen bürokratischen Herausforderung drückt (etwa einen Antrag zu stellen), geht er in den Eltern-Anteil und „be-vatert“ die Partnerin, fürsorglich, vielleicht auch besserwisserisch.

Diese „Spiele“ sind im Grunde unbedenklich, solange das Paar über eine gewisse Flexibilität und Reflexionsfähigkeit im Umgang mit Rollen und Anteilen verfügt und der Erwachsenen-Anteil immer wieder regulierend eingreift, so dass die Impulse aus den alten Schichten nicht automatisch die Führung übernehmen. Es ist also gar nicht schlimm, ab und zu wie ein Kind zu agieren und ab und zu wie ein Elternteil. Und es ist immer noch besser, mit dem Partner bisweilen in Kind- und Eltern-Rollen zu verfallen oder entsprechende „Spiele“ zu spielen (die sich manchmal ziemlich ernst anfühlen), als tatsächlich zu den eigenen Eltern oder Kindern noch solche, eventuell sogar fixierte Beziehungen zu pflegen. Vermutlich gibt es sogar Paare, die sehr selten von Erwachsenem zu Erwachsenem kommunizieren, nur begegnen wir diesen nicht in der Praxis; bei unseren Klient*innen ist das „Spiel“ irgendwann gekippt, einer oder beide haben keine Lust mehr darauf.

Mit der Sexualität ist m.E. ähnlich: Hier können sich immer wieder ganz verschiedene Beziehungssehnsüchte ausleben. Es darf auch zur Verschmelzung mit dem Kind (Anteil) oder umgekehrt mit der Mutter/dem Vater (Anteil) kommen („Du bist so niedlich …“) („Ich liebe Dich bedingungslos …“), aber es braucht vermutlich auf Dauer eine dominante ganz erwachsene sexuelle Verbindung („Das ist einfach nur schön, geil, unbeschreiblich …“), in der wir autonome Erwachsene sind und entsprechende Wünsche realisieren – und Konflikte regeln. Als Erwachsene sind wir uns bewusst, dass unsere Bedürfnisse nicht automatisch in Symbiose mit denen der Partnerin existieren.

Nun haben wir uns hier scheinbar ziemlich weit entfernt von der Sehnsucht nach dem Jenseits bei Ernesto Cardenal: „… die Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat …“. Die Sexualität ist ein Sinnbild (und mehr als das) für die Kraft der Sehnsucht. Die erotische Sehnsucht – und damit meine ich nicht (nur) die, die sich auf Sexualität bezieht – wendet sich dem Leben zu, damit auch dem Körper oder der Leiblichkeit. Unser Leib ist immer im Hier und Jetzt, unsere Seele und unser Geist dagegen rackern sich meist in Vergangenheit und Zukunft ab, auch in der oft sinnlosen Nostalgie oder Utopie.

Mehr aus dem Leben „herauszuholen“, dafür sorgt die Kraft der erotischen, lebensbejahenden Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dem Tod muss deswegen noch nicht per se pathologisch sein: Wenn eine(r) nach einem erfüllten Leben, was ohne Konflikte, Kämpfen und Ringen nicht möglich geworden wäre, sich wirklich darauf freut, dass die Seele bald in Frieden geht, sich auch von der Gebrechlichkeit und den Leiden des Körpers lösen darf, kann das durchaus gesund und eben gereift sein – und hat nichts mit der latent-suizidalen Sehnsucht der „eigentlich“ mitten im Leben Stehenden zu tun, die das Leben eben nicht leben, sondern verpassen.

Der reife Umgang mit Sehnsucht steht im Gegensatz zur Sucht nach Sentimentalität und Nostalgie, zu jener meist schlechten Gewohnheit, sehnsüchtig-betrübte Stimmung auszuleben, statt die Sehnsucht anzunehmen und zu nutzen.  Um die Sehnsucht zu verwandeln in eine produktive, vorwärts gerichtete Kraft müssen wir, sagen Baer/Frick-Baer („Das große Buch der Gefühle“), uns der Trauer stellen, das hinter uns Liegende und Unerreichbare loslassen – und dann die nach vorne gewendete Sehnsucht in konkreten Wünschen und kleinen bzw. angemessenen Schritten in Teilen realisierbar machen. Das Leben leben.