„Ich nehme nur Klienten, die mir sympathisch sind …“ Das habe ich schon öfter gehört oder gelesen, von Kolleg*innen oder auch von mehr oder weniger prominenten Therapeut*innen (die Bücher, Newsletter, Blogs schreiben). Es gibt ja gute Gründe für die Haltung, ganz einfach: Es läuft meist besser in der Therapie, wenn man sich aufeinander freut, zumindest ambulant ist es so.
Ambulant hätte ich es vielleicht auch so gehalten, aber die Realität ist ja glücklicherweise manchmal komplexer: Da hat man eine Klientin, die man sehr sympathisch findet, und die vermittelt einem irgendwann ihre beste Freundin, mit der man spontan nichts anfangen kann oder schlimmer. Als Therapeut arbeite ich vielleicht nicht primär, um mich weiter zu entwickeln, sonst könnte ich solche Situationen sofort als Herausforderung und Chance begrüßen, sondern um Geld zu verdienen und dabei Erfolg und Freude zu haben. Oder etwa nicht? Tja. Vielleicht hat sich bei einigen von Ihnen, liebe Leser*innen, Widerstand gemeldet gegen diese Einstellung zum Therapeutenberuf. Und das kann ich gut verstehen.
Schauen wir mal über den therapeutischen Tellerrand: Sind Sympathie und Antipathie gute Ratgeber und Wegweiser im Leben? Ich glaube schon. Doch darüber muss ich noch ein mehr nachdenken. Sympathie ist ein Gefühl aus der Komfortzone, wunderbar, dass es sie oder das Phänomen gibt: jenes spontane im Einklang sein, miteinander schwingen, sich am andern erfreuen. Aber ein Aspekt davon heißt Projektion – wir erleben mehr und anderes, als „objektiv“ da ist, weil wir es erleben wollen.
Menschen, die meine Sympathie geschenkt bekamen oder erworben haben, haben diese auch schon manchmal ausgenutzt. Und: ich hätte andererseits auch eine Menge Schönes verpasst, wenn ich mich nur daran gehalten hätte, dass mir manche Menschen bei der ersten Begegnung spontan unsympathisch erschienen. Also, das berühmte Bauchgefühl würde ich nicht zu hoch hängen.
Hier im Blog geht es mir jedoch wie meist um Therapie – und speziell um stationäre Gruppentherapie, um die Sympathie und Antipathie unter den Patient*innen selbst: Zu- und Abneigung sind sicher wichtige Hinweisgeber auf therapeutische Themen, aber alles andere als gute Wegweiser. Vor allem ein „nachhaltiges“ bis verkrampftes, starres Festhalten an Sym- und Antipathie ist fast immer pathologisch und prognostisch ein schlechtes Zeichen: dass der Betreffende nicht in der Lage ist, mal ein paar Meter in den Schuhen des anderen zu gehen – und das wird ihm/ihr auch im „wahren Leben“ immer wieder auf die Füße fallen.
Wenn Patient*innen sich vehement auf Antipathie oder Sympathie berufen, ist Vorsicht geboten. (Jaja, nebenbei bemerkt, es gilt auch für die Sympathie, etwa, wenn jemand ständig von „Seelenverwandtschaft“ schwärmt.)
„Es gibt zwei Personen in der Gruppe, die hindern mich daran, mich zu öffnen und zu arbeiten.“ Etwas in der Art hören wir Gruppenleiter häufiger. Meist handelt es sich um einen Abwehrmechanismus: Der Patient, der die Aussage macht, kann sich nicht vorstellen, sich zu öffnen – und die Verantwortung für diese Unfähigkeit projiziert er auf die beiden „Personen“.
Falls unser Patient oder die beiden („schuldigen“) Personen ganz neu in der Gruppe sind, ist das zunächst nachvollziehbar. Ein Merkmal von Sympathie und Antipathie ist ja, dass sie spontan entstehen. Das kann sich verändern. Im therapeutischen Prozess am einfachsten, wenn sich wenigstens eine Seite gegenüber der Gruppe öffnet: Sobald eine ihr Leid und ihre Schmerzen zeigt, gehen Mitpatienten in der Regel ins Mitgefühl, plötzlich erleben sie den Betreffenden anders. Die Empathie ändert das, was vorher von Antipathie geprägt war.
Wenn sich dagegen auch nach Wochen nichts ändert an der Antipathie („ich finde die Person einfach unsympathisch“), handelt es sich nicht mehr um spontane Zu- oder Abneigung, sondern um eine Fixierung auf bestimmte Projektionen. Der Patient hat, vereinfacht gesagt, Angst davor, sich eine andere Sichtweise auch nur probehalber zu eigen zu machen, Angst davor, sich inneren und äußeren Konflikten zu stellen.
Oder um auf die Komfortzone zurückzukommen: Der oder die Betreffende kann und will sie (noch) nicht verlassen. Im Grunde ist er (noch) nicht gruppentherapiefähig – und zugleich in höchstem Grad gruppentherapiebedürftig, er braucht oder bräuchte so dringend korrigierende Erfahrungen (etwa zu dem, was er als Mobbing erlebt, aber auch reinszeniert). Das macht einen Teil der Tragik von Therapieabbrüchen aus, dieses „schade“.
Das Tragische daran: Solange wir unser spontan sympathisches oder antipathisches Verhältnis zu Mitmenschen nicht verändern, gerade unter den Bedingungen der Gruppentherapie und der gegenseitigen Wertschätzung, solange werden wir auch mit unseren Schattenseiten, mit unseren verdrängten oder abgespaltenen Anteilen, oft mit unserem inneren Kind kein neues, friedvolleres Verhältnis hinbekommen.
Und wir stärken korrespondierend dazu den inneren Kritiker, der uns vor sozialen Herausforderungen „schützt“ – zu dem Preis, dass er uns als sozialen Looser, als sozial inkompetent abkanzelt. Wir werden einfach nicht erwachsen, lassen uns von den Ängsten des inneren Kindes wie den Schutzmaßnahmen des inneren Kritikers dominieren, statt diesen zu zeigen, dass heute nicht gestern ist! Vielleicht leiden wir, vielleicht vergehen wir geradezu vor Selbstmitleid, aber wir nehmen uns nicht wirklich an. Wir können gar nicht glauben, dass andere uns annehmen mit unseren Schattenseiten!
Natürlich betreffen diese Mechanismen auch uns Therapeuten. Wir haben viele Vorteile: die Ausbildung, die eigene Erfahrung als Klient, die Erfahrung als Therapeut, wo wir es so oft schon erlebt haben, wie sich durch Empathie Sym- und Antipathie wandeln. Im besten Fall haben wir deutlich weniger Angst vor Schatten und Unheimlichem an anderen Menschen als etwa die Mitpatienten. Weniger Angst bedeutet: Es fällt uns leichter, empathisch zu sein. Und, passend dazu, noch einen Vorteil: Wir kennen früher als Mitpatient*innen die Geschichte der Betroffenen (ansatzweise) und haben viel eher die Möglichkeit, auch bei Menschen, die uns spontan schwierig erscheinen (ich glaube, kaum ein Therapeut würde „unsympathisch“ sagen), etwas zu verstehen und Empathie zu empfinden. Wir haben eher die Möglichkeit, vorstellungshalber in den Schuhen des anderen zu gehen. Empathie ändert vieles.
PS. Die meisten von uns haben diese Erfahrung auch schon gemacht: Wir überwerfen uns mit einer Person und denken „Ach, im Grunde habe ich doch gleich gemerkt, dass etwas nicht passt“. Passiert dies zwischen Therapeut*in und Patient*in, liegt es an der Angst vor Konfrontation, Angst davor, auf das zu schauen, was gefühlt nicht passt und es anzusprechen – und das passiert m.E. im ambulanten Setting eben eher als im stationären (wo man sich die Patienten nicht aussucht) und scheint, als wiederholte Erfahrung, eine Rechtfertigung für die Strategie der Sympathiewahl zu liefern. Ich bin nicht überzeugt davon.
