T wie Tabu

Ta-bu könnte im Kontext meiner Therapeutenrolle auch eine niedliche Abkürzung für Tagebuch sein, wovon ich ein großer Fan bin, Sie werden gleich merken wieso. Doch am Tabu ist nichts niedlich. Naja, manchmal hilft Lachen selbst da, also verspreche ich hier schon mal ein „funny finale“.

Tabu ist meist unheimlich. Und den Patient*innen wird oft unheimlich zumute, wenn ich ihnen mitteile, dass Therapie damit zu tun hat, tabufreies Denken zu üben. Das muss ich ein bisschen genauer erklären.

Ein Tabu ist ein tatsächliches oder vermeintliches Verbot von Handlungen, dazu gehört auch das Reden über bestimmte (tabuisierte) Themen. Im politischen Streit werden angebliche Tabus oft instrumentalisiert; und ein Tabubruch wird bisweilen gefeiert, als wäre er an sich schon eine Großtat – natürlich nur von den eigenen Anhängern, oder vom Tabubrecher selbst. In der Regel handelt es sich dabei um notorische Demagogen und Schwätzer, die immer wieder sogenannte Tabubrüche begehen, um Schlagzeilen zu machen. Sie können durchaus sogenannten bürgerlichen Parteien angehören, sind aber dort eher die Exoten.

Hier soll es allerdings um das Tabu in der Psychologie gehen, und zwar vor allem das Tabu im Denken oder die freiwillige Selbstzensur. In der Umgangssprache verwenden wir eher das Adjektiv oder Adverb: Dies oder jenes „ist tabu für mich“, bedeutet so viel wie, das kommt für mich nicht in Frage, das mache ich auf keinen Fall; es bezieht sich in der Regel auf Handlungen, nicht auf das Denken.

Mit Tabu bezeichne ich hier einen Mechanismus der Selbstzensur, der ursprünglich in der Kindheit durch Verbot und angekündigte Bestrafung aufgebaut und nach und nach verinnerlicht wurde: Bestimmte Handlungen, Gedanken und Wünsche sind tabu, d.h. sie gelangen als solche entweder gar nicht ins Bewusstsein, sind also verdrängt, oder werden im Bewusstsein von bewährten Abwehrmechanismen sofort – als nicht mit dem Selbstverständnis oder Ich kompatibel – neutralisiert. Beispiele: Die Partnerschaft wird nicht in Frage gestellt, denn schließlich ist „man“ verheiratet (oder/und hat Kinder). Die glückliche Kindheit wird nicht hinterfragt, denn den Eltern ist „man“ zu Dank verpflichtet.

Psychische Tabus betreffen „den“ Grundkonflikt der menschlichen Seele schlechthin: den Konflikt zwischen Impulsen (Bedürfnissen) und Werten (Normen). In vager Anlehnung an Sigmund Freud könnte man sagen: den Konflikt zwischen „Es“ und „Über-Ich“. Im klassischen Verständnis der Psychoanalyse geht es dabei meist um zu unterdrückende aggressive oder sexuelle Impulse, aber so einfach ist es oft nicht. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass ein Teil der Mütter ihre Mutterschaft bereut, aber nie darüber reden würde, weil dieses Gefühl der Reue (und das damit verbundene Bedürfnis nach Freiheit) „heiligen“ Werten in unserer Kultur widerspricht? (… weshalb das Verlangen nach Freiheit als „Egoismus“ abgestempelt wird …)

Ein Tabu muss nichts per se Schlechtes sein, es schützt in gewisser Weise unsere Seelenruhe und das Zusammenleben. Warum dann aber „tabufreies Denken“ als therapeutisches Ziel? Patient*innen mit wiederkehrenden Depressionen leben in der Regel überangepasst, d.h. viel zu sehr auf der Seite der Normen und Werte, eben auf der Seite des „man“ – und haben früh verlernt, für die eigenen Bedürfnisse einzutreten, ja, diese überhaupt wahrzunehmen. „Das tut man“ und „Das tut man (doch) nicht“! Die Moral, auf die sie bauen, schränkt ihr Leben ein und behindert schließlich auch die Therapie.

Zunächst einmal muss man den Klienten versichern, dass es nicht um tabu- und moralfreies Handeln geht, sondern „nur“ um das Denken und Fühlen. Wenn die Patientin von klein auf und mit Mitte 50 noch immer von der Mutter nur kritisiert und gedemütigt wird (obwohl sie sich seit Jahren um diese kümmert), kann der Gedanke: „Ich könnte sie umbringen …“ etwas sehr Befreiendes haben, was möglicherweise auch pragmatische Folgen hat, die noch viel befreiender wirken, z.B. die Pflege der Mutter abzugeben oder bei ihr auszuziehen oder den Kontakt ganz abzubrechen. Oder wenn der Patient ebenfalls als längst Erwachsener und mittlerweile Geschäftsführer im Familienbetrieb von seinem Vater weiter klein gehalten und vorgeführt wird, kann der Gedanke „Ich muss diesen Laden nicht weiterführen …“ eine psychische Revolution einleiten: mit viel Angst und Scham, aber vermutlich „Verlust“ der Depression.

Ich habe bewusst zwei Beispiele mit Beteiligung der Eltern gewählt, weil Tabus oft am stärksten wirken, wenn die Instanzen, die diese Tabus errichtet haben („Du sollst Vater und Mutter ehren … komme was wolle …“), innen in den Betroffenen und außen wirksam sind. Sich davon zu lösen, setzt die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, mit der immensen Scham, die damit verbunden ist, umzugehen.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen beschreibt in seinem Buch „Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau“, wie viele Menschen schon als Baby an der Mutterbrust verlernen, auf eigene Bedürfnisse und Impulse zu hören. Die eigene Lebendigkeit wird früh zum Feind für das Kind, das Gehorsam lernt, um Anerkennung zu bekommen – statt Liebe. Das sitzt sehr tief. Daher kann die Erlernung des tabufreien Denkens nur eine Spur von mehreren im mehr oder weniger langwierigen Therapieprozess sein – und kein jederzeit beschreitbarer Königsweg nach der Devise: „Ach, cool, das probiere ich mal … Und schnipp, schon wieder ein Tabu erledigt …“!

Partnerschaft und Sexualität sind weitere wichtige Bereiche, in denen starke Tabus wirken. Wir müssen uns bewusst machen, dass Tabus in der Regel die gesellschaftliche Mehrheit auf ihrer Seite haben oder es sich zumindest in unserer Phantasie so darstellt. Fremdgehen gibt es in jeder vierten Partnerschaft, obwohl es ein starkes Tabu ist. Ob dies den Partnerschaften hilft, sei dahingestellt.  

Für mich war Fremdgehen immer ein persönliches Tabu, darüber bin ich froh, es hat meine Partnerschaft in gewisser Weise vereinfacht und geschützt – aber auch nicht per se verbessert. Trennung war für mich ebenfalls tabu, in meiner eigenen langjährigen Therapie als Patient habe ich das tabufreie Denken nicht gelernt (vielleicht war ich noch nicht soweit). Letztlich habe ich erst durch wiederholte Begleitung von Patient*innen in schwierigen Partnerschaftskonflikten und -krisen bemerkt, dass es schon sinnvoll sein kann, die Beziehung ganz zur Disposition zu stellen; ohne dass dies dann tatsächlich umgesetzt werden müsste! (In der Klinik beispielsweise raten wir Patient*innen davon ab, sich während des Aufenthalts zu trennen.)

Allerdings, das Risiko besteht schon, dass aus dem freien Gedanken“spiel“ bitterer Ernst wird. Zwar werden die wenigsten Menschen, die mal wütend ausrufen „Ich könnte sie umbringen“, dies wirklich tun, glücklicherweise. Aber bei Trennungen ist es anders. Und bei verschiedenen anderen Entscheidungen, z.B. für sexuelle Orientierungen und -praktiken oder auch Drogenkonsum, verhält es sich ähnlich. Ist der Tabubruch erstmal auf der Handlungsebene angekommen, scheint es oft keinen Halt mehr zu geben, wie man an Menschen sehen kann, die lange am Tabu Fremdgehen festhalten, später jedoch für mehrere Jahre eine heimliche Nebenbeziehung führen.  

Ja, wie weit oder nah ist es vom tabufreien Denken zum tabufreien Handeln? Und ist es nicht besser, wenn manches Tabu doch bestehen bleibt, auch im Denken? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht! Da wir nicht hellsichtig sind, wissen wir nicht, wie die Geschichte unserer Klienten verlaufen wäre, hätte die Therapie sie nicht auf jenen „dummen Gedanken“ gebracht. Aber sagen wir es klar und deutlich: Die Klienten haben sich selbst auf den Gedanken gebracht, nicht wir haben ein Ziel verfolgt!

Als Therapeuten gehen wir behutsam mit den Tabus der Klienten um und verfolgen keine eigenen Ambitionen. Wenn ich merke, dass der Patient im Grunde schon längst das Tabu gebrochen hat (z.B. Fremdgehen), es aber noch wie ein Glaubensbekenntnis vor sich herträgt, darf und sollte ich konfrontieren und den Mut zur Ehrlichkeit einfordern. Doch wenn der Klientin ein Tabu „heilig“ ist, woher könnte ich die Berechtigung nehmen, sie zum Tabubruch aufzufordern! Woher will ich wissen, was gut für sie oder ihn ist?

Der maximale Rat, den ich in solchen Fällen gebe, lautet: „Reden Sie mit Ihrem Tagebuch!“ Das therapeutische Tagebuch als der intimste Vertraute des Klienten ist das ideale Mittel, um tabufrei denken und reden zu lernen, sozusagen „nur unter uns“. Was davon irgendwer, etwa auch der Therapeut erfährt, ist zunächst zweitrangig. Gerade weil depressive Patienten zur Überanpassung neigen, besteht nämlich die Gefahr, dass sie sich an therapeutische, pseudomoralische Normen anpassen: Sie wollen sich dann besonders fortschrittlich und lernwillig zeigen, ganz „erwachsen“ im Sinne des Therapeuten. Aber erwachsen werden heißt ja gerade, nach seinen ganz eigenen Werten leben lernen – und nicht nach denen von Papi und Mami, auch nicht nach denen des Therapeuten!

Außerdem, nochmals: Der Unterschied zwischen Denken und Handeln bleibt bedeutsam – typischerweise versuchen die Religion und die religiös begründete Moral diesen Unterschied zu verwischen. Da ist schon der schlechte Gedanke über den Vater verboten, genau wie die unzüchtigen Gedanken. Das gilt es in der Therapie zu enttarnen und zumindest die Möglichkeit der Befreiung von solcher Seelenlast anzubieten. Das gehört zur Befreiung des inneren Kindes bzw. zum erwachsen werden!

Der gedachte, aufgeschriebene oder auch diskutierte Tabubruch muss das Tabu nicht außer Kraft setzen, er kann aber Entwicklungsprozesse anschieben. Im Gespräch mit meiner Therapeutin über Mangel an körperlicher Nähe und Sex kamen wir darauf, ob ich schon über bezahlte Liebe, etwa in Form eines Escort-Service nachgedacht hätte. Ich weiß nicht, ob ich zuvor daran gedacht hatte. Jedenfalls hätte ich mich bis zu dem Zeitpunkt gar nicht getraut, mir das im Internet anzuschauen – oh Gott (!), am Ende hinterlasse ich Spuren und bekomme jahrelang Sexwerbung bei jeder Internetaktivität; oder ich erzähle es einem Freund oder einer Freundin (weil ich gerne mal gesprächig bin) und sinke in deren Ansehen gravierend. Ich habe das Gespräch zum Anlass genommen, mich mal umzuschauen und fand „das Angebot“ abschreckend (zu aggressiv sexuell von Kleidung, Outfit, Gebahren). Mir ist dadurch allerdings noch mehr bewusst geworden, dass durch das reine Warten auf eine Beziehung oder etwas Ähnliches nichts passiert und ich aktiver werden muss. Also habe ich das „Dating“ intensiviert und bin öfter mal auf Kuschelpartys. Da hätten wir gleich mehrere weitere Tabus gestreift.

Ein besonderes Tabu ist die Eitelkeit, darüber reden manche so wenig, also nicht, wie über Schulden (ist ja nur ein finanzieller Engpass), Depressionen (nix Depression, sondern Burnout), Ängste (Sorgen) oder Sucht (ab und zu ein Gläschen oder zwei). Es wäre interessant, da genauer hinzuschauen, um welchen Konflikt zwischen Bedürfnissen und Werten es geht. Ich führe hier meine Eitelkeit als Beispiel für ein Tabu an, was im Handeln (noch) besteht, im Denken nicht (mehr): Als ich mich der „60“ näherte, bekam ich es mit der Alterskrise zu tun, die ich vorher standhaft verdrängt hatte.

Der Wunsch, jung zu bleiben, ist natürlich eines Philosophen unwürdig, also tabu; nicht minder der Wunsch, jünger zu wirken als man(n) ist. Tja. Ich versuche tabufrei zu denken und nehme in Kauf, mich eben dafür – zusammen mit meinem Tagebuch – zu schämen 😊 Ich treibe seit ein paar Jahren mehr Sport als früher, das ist ja nicht per se schlecht. Aber ich habe auch schon über kosmetische „Eingriffe“ nachgedacht. Ich liebe meine Haare, zumal seit sie so lang sind. Und ja, sie sind gefärbt, selbst ist der Mann (Henna). Unter welchen Umständen würde ich mir Haare ein- oder verpflanzen lassen? Oder bin ich in ein paar Jahren, wenn der Spaß vorbei ist, bereit für Glatze & Co? Ich weiß es nicht, und ich weiß, dass dies hier ein mega Luxusproblem ist, angesichts … Dennoch, ich denke darüber mehr oder weniger tabufrei. Mein Vater würde sich die schütteren Haare raufen, wenn ich etwas vom vererbten Geld für einen Flug in die Türkei und eine entsprechende OP einsetze. Tja, Väterchen, ist mir peinlich, aber auf Deiner Wolke da oben hast Du gut reden. Und Du magst mich doch trotzdem. Bestimmt.