E wie Ehrgeiz

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Ich habe unlängst wieder mit Tischtennis angefangen, nach zehn Jahren Pause, diese Woche hatte ich die ersten Punktspiele. Da begegne ich gelegentlich wieder dem Ehrgeiz. Zunächst einmal entdeckt man ja sowas beim andern eher als bei sich selbst 😊. Im Ernst, ich hatte den Eindruck, mein Ehrgeiz ist über die Jahre recht mild geworden – und manche jungen Männer sind noch richtig angefressen davon. Was denkst Du: Ist Ehrgeiz gut oder schlecht oder macht mal wieder die Dosis das Gift? Übrigens befasste sich einer meiner ersten Blog-Einträge vor rund sieben Jahren mit Tischtennis.

Bei manchen Wörtern ist es nicht leicht, ihnen eine überwiegend positive Bedeutung zu geben. Vielleicht sollten wir es – bei einigen zumindest – ganz lassen. „Egoismus“ etwa: Darin steckt so viel negative moralische Bewertung, dass ich nichts davon halte, den Begriff mit positiven Adjektiven zu kombinieren, etwa zu „gesundem Egoismus“. Wenn jemand lernt, wirklich für sich zu sorgen, Verantwortung für seine Bedürfnisse und seine Wünsche zu übernehmen und auch so zu kommunizieren, ist das einfach vorbildliche Selbstfürsorge und kein „gesunder Egoismus“.

Also, wie steht es mit „Ehrgeiz“? Aus „Geiz“ wird ja wohl nichts Gutes mehr. Gesunder Geiz? Nö. Und „Ehre“ klingt so, als wäre es sehr wichtig, wie andere uns sehen. Man könnte diesen Ehrgeiz dann auch als Ruhmsucht bezeichnen, womit schon eine psychologische Bedeutung nahegelegt wird: Das übertriebene Streben nach Anerkennung beruht häufig auf einem frühen Mangel an bedingungsloser Liebe und der späteren Verwechslung von Liebe mit Anerkennung. (Allerdings haben zusammengesetzte Wörter meist eine eigene Bedeutung und bestehen nicht nur aus ihren Teilen.)

Vor mehr als 30 Jahren, ich war damals noch nicht so lange Journalist, sagte eines Tages ein älterer Kollege zu mir: „Junge, Junge, Du bist ganz schön ehrgeizig!“ Das hat mich überrascht, es passte so gar nicht zu meinem Welt- und Selbstbild, doch es traf zu: Ich wollte bessere Artikel als der Durchschnitt abliefern, und mir war es auch wichtig, das andere das bemerken. Für die Phase der Berufsfindung ist das vielleicht leicht nachvollziehbar, dass wir uns beweisen wollen oder müssen. Im späteren Berufsleben kann es aber vergleichbare Situationen geben. So war es mir als Redaktionsleiter wichtig, immer wieder selbst Artikel zu schreiben, obwohl das nicht zu meinem Stellenprofil gehörte. Ich wollte es mir und anderen zeigen, dass ich es selbst kann, was ich von ihnen verlange (gute Texte). Und natürlich wollte ich aus dem Dasein des Redakteurs, der in der Regel im Hintergrund werkelt, ab und zu sichtbar heraustreten: „Ja, mich gibt’s auch noch.“ Das würde ich nicht als pathologisch ansehen: dass man „aus Ehrgeiz“ mehr macht als man muss. 

Anders verhält es sich, wenn Menschen immer die Besten sein wollen, vom Ehrgeiz angefressen oder fast zerfressen sind: unbedingt gewinnen wollen – selbst im Freundschaftsspiel (und gar nicht sehen können, dass der andere um Klassen besser ist) – oder eben Kanzler werden müssen, obwohl sie es nicht können. Beim entfesselten Ehrgeiz geht es nicht mehr um die Sache und die Qualität, die Betroffenen sind gewissermaßen blind für das Spiel oder die Realität und wollen die Ehre, ja, manchmal um jeden Preis. Dies hat etwas von Narzissmus und Grandiosität, benennen wir es deutsch: Größenwahn. Eine wesentliche Wurzel von krankhaftem Ehrgeiz ist ein Selbstwert-Komplex (den eigenen Wert verdienen oder beweisen müssen durch Großartigkeit, was leider zum Scheitern verurteilt ist) sowie die damit meist verbundene unstillbare Sehnsucht nach Anerkennung.

Auf der anderen Seite … kommt mir manchmal bei der Beobachtung von Patient*innen, aber auch von Kindern oder Erwachsenen, mit denen ich nicht beruflich zu tun habe, der Satz in den Sinn: „Ihm fehlt jeglicher Ehrgeiz.“ Da ist scheinbar keinerlei Zielstrebigkeit erkennbar, wenig Interesse und Motivation für irgendwas. Und das ist sicher kein Indiz für eine gute Prognose. Bei Menschen mit Depressionen oder komplexen Traumatisierungen kann dies primär an dem tieferliegenden, manchmal unbewussten Lebensgefühl von „ich bin nicht gut genug“ oder „ich schaffe es sowieso nicht“ liegen. Dann ist es eine große Aufgabe, zunächst einmal an dem Bewusstsein und Gefühl für Selbstwirksamkeit zu arbeiten. Ehrgeiz passt da aber nicht. Die Fügung „gesunder Ehrgeiz“ würde auch keinen Sinn machen. Es geht um gesunde Zielstrebigkeit: die Ziele so zu setzen, dass sie erreichbar sind – und attraktiv müssen sie sein.

In der Therapie ist Ehrgeiz meist eher ein Fallstrick: der Ehrgeiz von Patient*innen wie von Therapeut*innen. Ein häufiger kapitaler Fehler in der Therapie besteht darin, dass wir das Ziel oder den Schritt zu groß wählen – oder es auch nur zulassen, dass der Patient ihn zu groß wählt (z.B. „geheilt werden“, „Störung los werden“); was dazu führt, dass das Ziel nicht erreicht, der Schritt nicht gegangen wird, also zur Selbstabwertung! Dafür bzw. dagegen hat die Systemische Therapie ja den richtigen Slogan gefunden: „Du kannst das Ziel oder den Schritt nicht klein genug wählen …“, denn dann geht ihn der Patient und erreicht was, stärkt seine Selbstwirksamkeit und seine weitere Motivation.

Natürlich muss ein erwachsener Mensch auch damit umgehen können, wenn ein Schritt nicht das Erwartete bringt oder ein Ziel nicht erreicht wird. Der Umgang mit Enttäuschungen und Rückschlägen ist eine der wichtigsten Aspekte der Therapie, gerade wenn es um stationäre Therapie und die Vorbereitung auf die Realität „da draußen“ geht. Im Tischtennis, wo ich selten, aber schon manchmal besonders gruselig-abschreckende Beispiele von Ehrgeiz erlebt habe (z.B. alte Männer, die sich wie jähzornige Kinder aufführen), habe ich mir als Kindertrainer die Formel zu eigen gemacht: „Wir müssen gewinnen wollen, aber auch verlieren können.“ Bei Kindern (und Hunden) kann man den Ehrgeiz manchmal ja süß finden, fördern würde ich ihn aber nicht. (Bekanntlich gibt es da ganz andere Trainer und Einstellungen.)

In der Therapie könnten wir sagen: Natürlich streben wir an, dass der Patient mehr aus dem Leben herausholen will, aber zur Lebenstauglichkeit gehört auch der Realismus. Und vermutlich gibt es viele besser klingende Begriffe dafür, als von Ehrgeiz zu sprechen. Wir fördern und fordern nicht den Ehrgeiz, sondern das Selbstvertrauen, dass „mehr drin ist“, und auch die Frustrationstoleranz, damit umzugehen, dass manches gerade (noch) nicht „drin“ ist.

Für uns Therapeuten ist Ehrgeiz meist ebenso schädlich: Wenn wir zu viel und zu Großes erreichen wollen mit den Patienten („sie heilen“ oder „sie retten“), fühlt sich der Job schnell und nachhaltig sehr anstrengend an. Und es ist ja eine Anmaßung, die selbst narzisstische Aspekte hat. Wer sich von dieser ungesunden Einstellung („ungesunder Ehrgeiz“!) nicht lösen kann, arbeitet sich systematisch in Richtung Burnout; um vielleicht dann erst seinen wahren Wert zu entdecken?

Fazit: Es lohnt sich, manche Begriffe, die wir im Alltag wie selbstverständlich verwenden, gelegentlich zu hinterfragen; vor allem, falls sie in der Therapie auftauchen.