C wie Chance

Fünf Jahre habe ich darauf gewartet, dass mir zu „C“ noch etwas anderes einfällt als Corona. Ich war schon kurz davor, einen Blog zu „C wie Christoph“ zu verfassen. Echt. Und dann fiel es mir vor zwei, drei Wochen wie Schuppen von den Augen. Ein Trost: Ich bin nicht allein so blind.

Das Wort Chance taucht in der Psychotherapie erschütternd selten auf. Vielleicht liegt das daran, dass der Aphorismus von der „Krise als Chance“ im Anwendungsfall, also in der Krise, meist nur zu Augenrollen und passiver Aggression führt – und im Nachhinein ist er eben nicht besonders originell. Ja, so richtig können wir es nur im Nachhinein feststellen, dass die Krise eine Chance war, und im Voraus wissen wir nicht einmal, wann das „im Nachhinein“ sein wird. Daher klingt „Chance“ nach Positivem Denken. Und da bin ich bei Ihnen: Positives Denken ist meist Käse.

Positive Psychologie dagegen nicht. Was Mist ist, darf Mist bleiben und sich so besch… anfühlen, wie es sich anfühlt. Auf dieser Basis verspricht die Therapie neue Perspektiven aufs Leben und die Entdeckung neuer Optionen. Aber, sozusagen zum Mitschreiben, „Reframing“, die Meisterschaft der Umdeutung aus der Systemischen Therapie, bedeutet nie, einfach den Mist zu Gold zu erklären, bestenfalls zu Dünger.

Psychotherapie bietet die Chance, sich anders und neu kennenzulernen, sich zu öffnen und zu zeigen, vom Feedback erfahren, mehr und anders zu sein, als man dachte oder jetzt gerade sehen kann, sich weiterzuentwickeln, die alten Muster zu verändern, Unterstützung annehmen, lebensfreundlichere Glaubenssätze entdecken und in ein Leben mit mehr Lebensqualität umsetzen. Zuviel versprochen? Nö. Die Frage nach den Chancen ist die nach dem Sinn der Therapie: Wie es gelingen kann, dass der Klient mehr aus seinem Leben „herausholt“.

Die Rahmenbedingungen und verbreiteten Vorstellungen sowie Erwartungshaltungen an Psychotherapie sind allerdings zunächst nicht ideal, um es vorsichtig zu formulieren, um sie als Arbeit an und mit Chancen wahrzunehmen: Wir wollen und sollen den Patienten dort abholen, wo er steht, also, salopp gesagt, im Trübsal.

Am Anfang der Therapie haben Patienten oft ein ziemlich ungünstiges Verhältnis zum besseren Leben: Erstmal wollen viele von ihnen „geheilt“ werden, dies und das „loswerden“ (von Ängsten über Depressionen bis Ess- und Zwangsstörungen), bevor sie sich den Chancen zuwenden. Sie stellen Bedingungen an das bessere Leben. Das ist völlig verständlich. Allerdings handelt es sich bei Psychotherapie nicht um eine Disziplin der Chirurgie, hier gibt es zwar Interventionen, aber keine Operationen, wo wir die psychischen Probleme wegschneiden. Deshalb ist die Bedingung „Erst muss ich meine … loswerden“ mit schlechten Prognosen verbunden. Patientinnen lernen vielmehr durch Fördern und Fordern (schade, dass ein Bundeskanzler vor vielen Jahren diese Formel in Verruf gebracht hat), besser für sich zu sorgen und mit diesen Problemen umzugehen. Das geht viel einfacher, wenn sie das Ziel „Heilung“ loslassen.  Insofern gehört die Psychotherapie mit Ausnahme ihrer medikamentösen Anteile wahrscheinlich ebenso oder gar mehr zur Seelsorge wie zur Medizin.

T. A. Edison, „der“ Erfinder im Bereich Elektrizität und Telekommunikation, hatte als Kind nur ein paar Monate Schulbildung erfahren und musste schon mit zwölf Jahren arbeiten, er war außerdem schwerhörig. Von ihm soll der Spruch stammen: „Die meisten Menschen verpassen die Chance, weil sie im Overall daherkommt und wie Arbeit aussieht.“ Irgendwie trifft das auch auf die Psychotherapie zu. Glücklicherweise sehen viele Patient*innen Vorbilder in anderen Patienten, die ihre Chance genutzt hatten.

Bei der notwendigen „Arbeit“, zunächst an der Therapieeinsicht, müssen wir uns, wie schon angedeutet, immer wieder klar von den Predigern des (pseudo)spirituellen Positiven Denkens deutlich abgrenzen: Natürlich wissen wir, dass es nicht reicht, sich die perfekte Partnerschaft oder den traumhaften Kontostand nur intensiv vorzustellen und daran zu glauben, damit es sich ereignet, oder auch, dass es der kraftvolle positive Glaubenssatz allein nicht rausreißt. Und auch die tollste Familienaufstellung wird nicht automatisch dazu führen, dass der undankbare und lieblose Vater sich wie durch ein Wunder in einen Papa verwandelt. Es wird mehr Arbeit kosten, es sind Konflikte durchzustehen und es wird Ups and Downs geben.

Wir Therapeuten sollten nur in Ausnahmefällen Ratschläge geben, oder etwa nicht? Dafür machen wir umso öfter Vorschläge, manche von uns nennen das, ziemlich inflationär, therapeutische „Einladungen“. Ein Klassiker in jedem Patient-Kabarett. Tja, Chance klingt jedenfalls ziemlich nach Ratschlag: Ich sehe was, was Du (noch) nicht siehst … Wie wäre es …? Darauf stehen viele Patient*innen gerade zu Beginn der Therapie überhaupt nicht. Warum? Weil es in ihrem Leben Herausforderungen gibt, die sie objektiv überfordern (man kann nicht alles durch Psychotherapie retten!) oder die sie sich nicht zutrauen, weil sie kein Gefühl für ihre Selbstwirksamkeit, für das Potenzial, ihr Leben zu gestalten haben – möglicherweise weil sie alles an den zu großen Herausforderungen messen.

Chancen sind mit Risiken verbunden, sonst hießen sie nicht Chancen, sondern Sicherheiten oder garantiertes Glück. Menschen mit Depressionen scheuen oft Konflikte und Risiken. Angstbesetzte Glaubenssätze, auch wenn sie nicht bewusst sind, steuern das Verhalten: „Das geht bestimmt wieder schief.“ „Ich schaffe es sowieso nicht.“ „Zwecklos, das macht doch keinen Sinn.“ Eine der größten Chancen der Psychotherapie besteht genau darin, dass Klienten konflikt- und risikofreudiger und auch frustrationstoleranter werden, insgesamt: erwachsener. Sie lernen, in einem wertschätzenden Umfeld, mehr für sich und ihre Bedürfnisse einzutreten, womit ihre Chancen steigen, dass sie etwas davon auch in den privaten und beruflichen Beziehungen umsetzen.

Eine gute Übung fürs therapeutische Tagebuch: Brainstorming zum Thema „Die Chancen meines Lebens“. Wann habe ich welche Chancen ergriffen oder liegen lassen? Was war daran bemerkenswert? Wann war ich auch mal froh, dass ich keine Chance bekam? Was könnte ich wiederholen, was würde ich beim nächsten Mal anders machen? Welchen Chancen bieten sich mir heute, morgen, dieses Jahr?

Chancen, die wir ergriffen und zum Erfolg geführt haben, setzen in der Regel eine Entscheidungsfähigkeit oder sogar -freudigkeit voraus, auch eine gewisse Weisheit, wann die Zeit reif ist – für den depressiven Patienten scheint es lange nicht bzw. nie soweit. Eine positive Haltung kann nicht schaden, dabei geht es nicht um blinden Optimismus (siehe positives Denken), der allzuoft in Enttäuschung endet, denn die Chance ist manchmal wirklich gering, sondern eher das „ich will es versuchen“ statt „ich muss dadurch“.

Manchmal braucht es Ermutigung oder gar Unterstützung von außen (auch da könnte der Therapeut eine Rolle spielen), damit der Betreffende hartnäckig bleibt, nicht zu schnell aufgibt und in alte Muster zurückfällt. Und manchmal ist eine vertane Chance überhaupt nichts, was zu bedauern wäre, weil wir uns z.B. aktiv für etwas noch Besseres entschieden haben oder weil gar keine echte Chance bestand.

Der Wechsel in den Chancenmodus beruht letztlich, wie oben erläutert, auf Therapieeinsicht bzw. -verständnis. Es macht den Unterschied, ob der Patient in erster Linie zum Jammern kommt und um sich aufbauen zu lassen, was voll okay ist (für eine gewisse Zeit) – oder ob er (sie) begriffen hat und ergriffen ist davon, dass er (sie) sein Leben ändern will. In diesem Bewusstsein ist weniger „ich muss“ und „ich kann nicht“, und mehr „ich will“ und „ich will nicht“ oder „ich werde nicht“. Es geht hierbei nicht um eine moralische Einschätzung: wer der gute oder gar bessere Patient ist, sondern nur um die Wahrscheinlichkeit, dass Chancen mehr und häufiger genutzt werden. Unsere Aufgabe als Therapeuten ist u.a., mit dem Patienten Chancen zu finden, an denen er/sie seine Selbstwirksamkeit spüren kann.

Die Chancenperspektive hat mit der Bereitschaft zu tun, Fehler zu machen oder zu scheitern. Das gilt zunächst einmal für mich als Therapeuten und nächstliegendes Vorbild: Angenommen, ich stimme ein Lied an, aber niemand steigt darauf ein, stattdessen nur mehr oder weniger beklemmendes Schweigen. Oder ich biete eine therapeutische Einzelarbeit in der Gruppe an, aber der betreffende Patient lehnt das ab, verweigert sich, sogar aus der ganzen Gruppe geht bei Öffnung des Angebots für alle niemand auf die Option ein, z.B. in die Mitte zu treten und sich zu zeigen, etwas auszuprobieren. Natürlich ist es uns als Therapeuten immer möglich, solche Schwierigkeiten umzudeuten. Wir sollten aber zeigen, und darin liegt die Chance, dass wir diese Momente des „es klappt einfach nicht(s)“, dass wir Scheitern, Ratlosigkeit und Ohnmacht kennen und damit umgehen können.

Jede Chance, die ich ergreife und an der ich scheitere, ist eine Gelegenheit meine Frustrationstoleranz zu trainieren, und das bedeutet vor allem: meine Selbstakzeptanz oder Selbstliebe. Wenn sich mein Einsatz nicht ausgezahlt hat, ist das die größte Chance, den Umgang mit mir selbst weiter zu verbessern: Ich gebe mir auf die Frage nach meiner existenziellen Scham („Bin ich gut genug?“) eine klare Antwort: „Ja, ich bin gut genug!“ Vor allem im Scheitern können wir spüren, dass wir okay sind, so wie wir sind. Also tue ich mir Gutes, belohne mich für meinen Einsatz und Mut, statt mich innerlich fertig zu machen.

Ich habe immer wieder mit Patienten zu tun gehabt, die zunächst großen Widerstand gegen die Therapie (in der Gruppe, in der Klinik oder in speziellen Angeboten) zeigten und sich im Laufe von ein paar Wochen gewissermaßen vom Saulus zum Paulus oder zur Pauline wandelten und beim Abschied so etwas sagten wie, es sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Upsi. Das verursacht mir schon etwas Unbehagen, wiewohl ich es verstehen kann.

Tatsächlich stehen die Chancen „im wahren Leben“, also die Wahrscheinlichkeit, Erfolg zu haben mit den Veränderungswünschen, oft nicht so gut wie die Chancen, sich in der Therapie, zumal in einer Klinik, zurecht zu finden. Daher ist die Vorbereitung auf Rückschläge ein so wichtiger Teil der Therapie – und, sofern es die Therapie in der Klinik betrifft, die möglichst nahtlose Überleitung in eine ambulante Therapie: in idealerweise wöchentliches „Coaching“ in Bezug auf Chancen für ein besseres Leben.

Ah, da fällt mir noch etwas ein: Viele Patient*innen glauben am Anfang der Klinikzeit, sie hätten gar keine „Chance“ auf einen ambulanten Therapieplatz: „Bei uns in Posemuckel … Ich habe schon ganz viel angerufen …“ Alle haben eine Chance, da könnte ich mehr als Hundert Erfolgsgeschichten erzählen, aber oft muss man darum kämpfen. Never give up! Wenn wir Ihnen das beibringen konnten, war die Therapie erfolgreich.

PS. Das „Never give up!” war mir dann doch im Abgang zu wuchtig. Es gibt sicher Situationen (nicht beim Kampf um einen ambulanten Therapieplatz, aber sonst), in denen aufgeben und loslassen das Beste ist – und sich an das Gelassenheitsgebet halten: Sich um das kümmern, was man ändern kann, und das loslassen, was man nicht ändern kann. Im Laufe der Therapie sollten Sie sich in die Lage versetzen können, das eine vom andern zu unterscheiden 🙂